Seite:Die Totenstadt.pdf/20

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wie sie die Reisenden ähnlich in Südamerika als Andenken an die alten Azteken finden.

Richard hatte in seiner Vaterstadt doch jeden Winkel gekannt, jetzt fand er sich kaum noch zurecht. Er verirrte sich und gelangte auf einen Platz, auf den er sich nicht entsinnen konnte.

Was aber war das? An den Häusern kletterten ja schon tropische Schlingpflanzen mit prachtvollen, tellergroßen Blüten empor. Wo kamen die her? Die Scenerie wurde immer exotischer, dieses kleine aus dem Boden sprossende Blatt konnte nur das einer Palme sein, hier wuchs eine ganze Palme, dort ein Kaktus, und noch einige Schritt weiter, so befand sich Richard in einem Orangenhain mit großen, goldgelben Früchten; auch sah er tragende Dattelpalmen, mehrere Feigenbäume, und diese schmalen, langen Früchte an jedem Strauche, sie konnten nur Bananen sein.

Richard war vor Staunen außer sich. Schon wollte er die Erklärung darin suchen, daß Vögel den unverdauten Samen dieser[WS 1] exotischen Pflanzen hierhergetragen hätten, wobei freilich immer noch rätselhaft blieb, wie sich die Samenkörner innerhalb eines Jahres zu fruchttragenden Bäumen entwickelt haben konnten, denn so schnell geht die Sache doch nicht, auch nicht unter dem Aequator, als er die richtige Lösung des Geheimnisses fand.

Hier war, wie er aus den zersprungenen am Boden und auf Kisten liegenden Glasfenstern schloß, eine Kunstgärtnerei gewesen, deren Besitzer zum Privatvergnügen einen botanischen Garten mit exotischen Pflanzen angelegt hatte. Diese hatten die Umhüllung des Gewächshauses gesprengt und sich in Freiheit entwickelt. Ihr Samen würde sich nun verbreiten und die Eichen, Buchen und Birken verdrängen, und wichen diese nicht schnell genug, so würden sie die Schlingpflanzen in ihrer Umarmung ersticken.

Ueberall lagen noch die Skelette von Menschen und Tieren, schneeweiß gebleicht, neben ihnen Goldstücke, Gold- und Silberuhren oder echter Schmuck, soweit sie solchen getragen hatten,

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: diese
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Robert Kraft: Die Totenstadt. H. G. Münchmeyer, Dresden (1901), Seite 18. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Totenstadt.pdf/20&oldid=- (Version vom 31.7.2018)