Seite:Die Totenstadt.pdf/29

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Schusterehepaares. Er starrte vor Schmutz und Ungeziefer, wie Richard jetzt bemerkte, er war ein vollkommener Wilder geworden, zu welchen Befürchtungen bezüglich seiner Eltern berechtigten nicht die Erziehung und das Aussehen dieses Kindes!

„Bist Du der Sohn des Schusters?“ fragte Richard.

„Mein Vater heißt Karl und meine Mutter ist die Marie. Anton hat Hunger,“ entgegnete der Knabe, einen fürchterlichen Fluch hinzufügend.

Richard lockte ihn mit sich. Er wurde immer von neuem Entsetzen befallen, noch mehr aber von Mitleid; der Menschheit ganzer Jammer faßt ihn an – konnte man auch von ihm sagen.

Dieses Wesen, das neben ihm einherschritt und an Gestalt einem Menschen glich, war fast schon weniger als ein auf der tiefsten Stufe stehender Wilder. Auch ein Wilder ist das Produkt der Entwicklung seines Geschlechtes und hat eine gewisse Erziehung genossen – dieses Geschöpf aber besaß gar keine, es war ein verwilderter Mensch oder vielmehr ein Raubtier. Das drückte sich schon in des Jungen Augen aus, als er jetzt, zutraulicher geworden, mit gieriger Hand und doch angstvoll Richards Kleider und sein Gewehr betastete. Sein ganzes Gebaren war ein widerwärtiges Gemisch von menschlichem Verstand und tierischer Gier.

Wenig, sehr wenig konnte Richard von dem Jungen erfahren. Er sprach deutsch, aber unzählige Worte fehlten ihm. Seine Eltern lebten. Sie wohnten im ,Schweizerhaus‘. Das war ein Vergnügungsetablissement in der Nähe der Stadt gewesen. Es waren noch sechs andere Kinder da, zusammen drei Jungen[WS 1] und vier Mädchen. Eine Kleidung kannten sie nicht mehr. Wozu auch Kleidung bei der Wärme? Ihre Pfeilspitzen bestanden aus verrosteten Nägeln, doch wurden auch schon spitze Steine verwendet. Die Mutter hatte einen schweren, scharfen Stein, wenn sie Holz hackte. Sie schossen Vögel, Ratten, Mäuse, Fische, Eidechsen und Frösche und brieten sie am Feuer. Wenn es aber sehr feucht war, daß

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: jungen
Empfohlene Zitierweise:
Robert Kraft: Die Totenstadt. H. G. Münchmeyer, Dresden (1901), Seite 27. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Totenstadt.pdf/29&oldid=- (Version vom 31.7.2018)