Seite:Die Totenstadt.pdf/30

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sie durch Reiben oder Schlagen kein Feuer entzünden konnten, aßen sie jene Tiere roh. Als Zukost dienten Früchte.

Das war so ziemlich alles, was Richard aus dem Jungen herausbringen konnte. Er sah ein, daß, wenn die letzten Nägel in Rost zerfielen, die Nachkommen des Ehepaares wieder ganz zu Steinmenschen und noch tiefer herabsinken mußten. Schon dieser Knabe war das schreckliche Zerrbild eines Menschen. Er fluchte beständig, wie er es vom Vater gehört hatte, und mißbrauchte dabei den Namen Gottes, aber von einem Gott selbst wußte er nichts. Der Name ,Mensch‘ war ihm völlig unbekannt. Ja, seine Eltern, Geschwister und er selbst hatten nicht einmal neue Namen erfunden; die Bananen nannte Anton zum Beispiel ,lange Dinger‘, und dieses Wort würde nun feststehend in ihre neue, eigene Sprache übergehen.

Richard nahm den Jungen mit auf seine Festung, aber nicht in das Innere derselben. Die Unreinlichkeit Antons verbot das. Gierig verschlang dieser zunächst die dargereichten Speisen, dann schaute er mit verwunderten Blicken um sich und staunte die einfachsten Dinge an, während andere ihm wieder geläufig waren. Vor der klappernden Windmühle fürchtete er sich, daß sich aber der Zeiger seiner Uhr früher mit einem tickenden Geräusch bewegt hatte, gerade wie auch Richards große Wanduhr, das wußte er noch. Ueber dieses Geheimnis hatte er aber nie nachgegrübelt, war auch nicht darüber belehrt worden. Zum Spaß schoß Richard ein Gewehr ab, und der kleine Wilde fiel vor Schreck nieder. Ebenso fürchtete er sich, als er durch das Fernrohr blickte. Hinwiederum dachte er nicht an ,Zauberei‘. Er dachte überhaupt nichts, er war ja nur ein beschränktes Tier.

„Hast Du auch Schnaps?“ fragte Anton schließlich zu Richards Staunen.

In der Stadt gab es schon längst weder Wein noch Spirituosen, der ganze Vorrat war von selbst verschwunden, denn auch das beste Faß mußte bei dem Wechsel von Feuchtigkeit

Empfohlene Zitierweise:
Robert Kraft: Die Totenstadt. H. G. Münchmeyer, Dresden (1901), Seite 28. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Totenstadt.pdf/30&oldid=- (Version vom 31.7.2018)