Seite:Die Totenstadt.pdf/31

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und Hitze Sprünge bekommen und auslecken, und Wein verdunstet auch durch den Kork der Flasche, wie jeder Weinhändler weiß, weshalb die Flaschen mit den alten Weinen immer nachgefüllt werden müssen, sonst wäre auch im kühlsten Keller nach zwanzig Jahren nichts mehr darin. Es vergeht eben alles, was von Menschenhand erzeugt ist, wenn es nicht von Menschenhand gepflegt wird.

Der Junge aber mußte den Branntwein noch kennen.

„Mein Vater sucht immer noch nach Schnaps, wenn er nicht verrückt ist,“ setzte er hinzu.

Richard ging in das Haus, um noch mehr Brot zu holen. Als er zurückkam, war Anton verschwunden samt dem auf dem Hofe gebliebenen Fernrohr und dem Gewehr.

Das war sehr betrübend. Umsomehr aber hatte Richard Grund, seinen Schicksalsgefährten, die sich gerade nach der anderen Richtung hin entwickelt hatten, einen Besuch abzustatten. Schon am anderen Tage machte er sich auf den Weg, ein gebackenes Brot und eine der Flaschen Branntwein mitnehmend, die er sich als Medizin aufbewahrt hatte. Auf den Brotlaib war er stolz, er galt ihm als ein Beweis seines Fleißes und seiner Intelligenz, und darin hatte er recht; mit der Flasche Branntwein gedachte er dem Schuster eine Freude zu machen.

Mit vieler Mühe fand er sich nach dem Schweizerhause zurecht. Einst in einem schönen[WS 1] Parke gelegen, umgab es jetzt ein völliger Urwald. Die deutschen Bäume waren unter dem neuen Klima mächtig emporgeschossen, dabei aber hatten sie ihre Lebenskraft verbraucht, die Eiche hatte sich in zehn Jahren wie in hundert Jahren entwickelt. Deshalb starb sie auch jetzt schon ab. Die älteren Bäume lagen bereits verwesend am Boden, als Humuserde für die künftige, neue Generation der tropischen Flora arbeitend, die sich bereits durch Schlingpflanzen ankündigte. Kein Singvogel zwitscherte in dem undurchdringlichen Laubgewirr, unter dem eine schwüle, feuchte Luft herrschte; Schlangen, Eidechsen und Frösche fühlten

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: schöne
Empfohlene Zitierweise:
Robert Kraft: Die Totenstadt. H. G. Münchmeyer, Dresden (1901), Seite 29. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Totenstadt.pdf/31&oldid=- (Version vom 31.7.2018)