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Seite:Die dießjährige Kunstausstellung (Dresden 1807).djvu/2

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das, auf der linken Schulter befestigt, sich straff unter der rechten Brust hinzieht, und dann in reichern Falten den Unterleib und die Hüften bedeckt, ist meisterhaft geworfen. Auch die noch um den Fuß gewickelte tödliche Schlange wird man, theils des Gegensatzes mit der reizenden Gestalt wegen, theils als Motiv, nicht wegwünschen.

Von demselben wackern Künstler sehn wir auch die edle, kraft- und geistvolle Büste unsers allverehrten Kabinetsministers von Bose, die mit unübertrefflicher Weichheit und der geschicktesten Verschmelzung der einzelnen Theile gearbeitet ist.

Noch haben wir von Ulrich einen stehenden Mars, in halber Lebensgröße, zu hoffen, an dem ich ihn neulich arbeiten sah; auch, bis auf den am Kinn zu sehr abgerundeten Kopf, eine ungemein schöne Figur.

Herr Kühn hat eine colossale Minerva und eine lebensgroße Thalia ausgestellt, beyde nicht ohne manches Gute, aber nichts weniger, als tadelfrey, besonders die Köpfe beyder Statuen, und die ausgestreckte linke Hand der Minerva höchst unbedeutend. – Ohngleich mehr Verdienst hat die Portraitbüste des Landschaftsmalers Friedrich von demselben Künstler, wenn man auch die kräftigen Züge des Originals nicht in ihrer ganzen Energie wiederfindet. – Herrn Kühns Arbeiten veranlassen mich zu einer Bemerkung über den, wie es scheint, herrschenden Geschmack am Anstreichen und Bronziren plastischer Werke. – Man sollte doch bey diesen, wo die vollkommenste Abstraction vom Farbenzauber und der reinste Sinn für schöne Form vorausgesetzt wird, alle Reizmittel der Art verschmähen und nie das farblose Weiß verlassen, da überdieß durch den dunkeln Ton der Bronze die zartern Umrisse, die sich bey den weißen Massen durch leise Schatten andeuten, ganz verloren gehn, weil die Schatten in der tiefern Erzfarbe verschwinden. Die Unbedeutendheit dreyer Modelle vom Herrn von Kügelchen, und die Geringfügigkeit einer weiblichen Figur vom Inspector Matthäi soll uns nicht aufhalten, schnell zu den Werken der Malerkunst überzugehn.

Da es die Zeit nicht ist, in der die große Historienmalerei blüht oder blühen kann; so müssen wir uns schon freuen, doch drey in dieses Fach gehörige Bilder zu finden. Von diesen stellen zwey denselbigen Gegenstand: die drey Marien am Grabe des Erlösers, denen der Engel erscheint, dar. Herr Hartmann hat diesen Gegenstand mit dem reizendsten Spiel harmonischer Farben ausgeführt, und man möchte sein Gemälde ein Musikalisches nennen. Die Lichtstrahlen, die von der linken Seite her in die Grabhöhle fallen, und ihre Reflexe am Gestein der Grotte, so wie am Gewande des Engels, der Kopf und die Flügel des himmlischen Gesandten und die Gewänder der drey Frauen, besonders der zuletzt stehenden, sind vortrefflich. – Aber ob der Gedanke des Ganzen mit recht frommer Liebe aufgefaßt, ob selbst die Gruppirung und Stellung der einzelnen Figuren, besonders die des Engels, recht überdacht ist,

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Unbekannt: Die dießjährige Kunstausstellung (1807). Adreßcomptoir, Dresden 1807, Seite 66. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_die%C3%9Fj%C3%A4hrige_Kunstausstellung_(Dresden_1807).djvu/2&oldid=- (Version vom 1.4.2025)