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Seite:Dresdner Geschichtsblätter Vierter Band.pdf/177

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Sonst, wenn die Familie Besuche machte, blieb er meistenteils zu Hause; seitdem er aber glaubte, sich auf mich verlassen zu können, war er öfterer abwesend. Nicht genug, daß ich alsdann allein das Haus zu hüten angewiesen wurde, sondern er vertrauete mir auch das offenstehende Schreibpult mit den darin liegenden Papieren, Manualen und selbst einigen kleinen Schachteln mit darin befindlichen mäßigen Geldposten. Da bei ihm alle Kirchengebühren entrichtet und von ihm Sonnabends spezifiziert an die Behörden verteilt wurden, so erhielt ich Anweisung, alle kirchlichen Bestellungen und Ansagen von Geburten, Trauungen und Leichen nach der schematischen Observanz genau mir angeben zu lassen, in die verschiedenen Manuale einzutragen und das in jedem Falle zu entrichtende Geld nach der Gebührenmatrikel, von welcher ich noch eine Abschrift besitze, in Empfang zu nehmen. Auch bestellte Gevatterbriefe, wozu gedruckte Formulare vorhanden waren, hatte ich auszufüllen und zu überschreiben, welches ich nicht selten auch dann tun mußte, wenn dergleichen unter der Vormittagsschule verlangt wurden.

In der Woche ließ mir mein Kantor, wenn er nicht zu Hause war, immer vollauf Arbeit mit Notenschreiben zurück, sowohl für die lange Weile, als für die bösen Gedanken. „Arbeite, so ficht Dich der Teufel nicht an!“ war ohnehin eine seiner Lieblingssentenzen, die ich nie vergessen und fleißig geübt habe. Sonntags dagegen benutzte ich meine einsame Freiheit, entweder auf dem Klaviere für mich etwas herauszustümpern oder noch lieber seinen Büchervorrat, der an die anderthalb hundert Bände und Broschüren enthalten mochte, durchzumustern. Besonders suchte ich diejenigen herauszufinden, deren er in der Schule, zumal beim Religionsunterrichte, sich bediente. Diese waren z. B. Petersens Laienbibel, Löseckens Zergliederung und Erklärung der Episteln und Evangelien, Ejusdem zergliederter und er klärter Katechismus, ingleichen dessen Passionsgeschichte, Rambachs Handbuch in vier Teilen und einige andere, welche für damalige Schullehrer allerdings sehr brauchbar waren. Da ruhete ich denn nun nicht eher, als bis ich eins nach dem andern mir angeschafft hatte. Da ich das ganze Chorgeld meinen Eltern aushändigte, so sammlete ich zum Behuf meiner Bibliothek sorgfältig alle Accidentien vom Gabelgelde bei Leichen und Tüchelhalten bei Kommunionen. Durch Hülfe derselben konnte ich mich auf die Lektionen nun besser vorbereiten und antworten. Mein Kantor, der es merkte, daß ich „mit seinem Kalbe pflügte“, war doch so fein, diese Bücher mir selbst zu empfehlen. Überhaupt haben die Tage und Stunden, die ich während dieser drei Jahre in des Kantors Hause verlebte, frühzeitig vieles Gute bei mir bewirkt. Da ich den Wert des in mich gesetzten Zutrauens fühlte und ich mir insgeheim etwas darauf zu gute tat, so erhielt schon dadurch meine cholerische Ambition eine vorteilhaftere Richtung, welche sie vor jugendlicher Eitelkeit verwahrete. Ich gewann zugleich Sinn, Applikation und Trieb für das Üben in verschiedenen Geschäftsfächern und der dazu nötigen Brauchbarkeit, welches in der Folge ein ausgezeichneter Zug meines Charakters geblieben ist. Das sklavische zu Hause Brüten, wenn andere meinesgleichen ihre Freiheit genossen oder an schönen Tagen zahlreiche Spaziergänger bei den Fenstern vorbeiwandelten, fand ich gar bald nicht mehr so lästig als anfangs, besonders, wenn ich erfuhr, daß meine Kameraden durch Mißbrauch ihrer Freistunden dumme Streiche und sich selbst straffällig gemacht hatten. Da gewährte mir es denn ein heimliches Wohlbehagen, daß ich verhindert worden war, mit ihnen Partie zu machen. Exzesse dieser Art schreckten mich auch so ernstlich ab, daß ich nur schwer daran ging, mit mehreren an irgend etwas Anteil zu nehmen, daher ich, auch als Kleiner, nur mit einigen Wenigen, die für mich paßten, näheren Umgang hielt.

So natürlich gut und unverdorben ich auch immer sein mochte, so fehlte es mir doch noch sehr an der nötigen Politur, die ich denn freilich zu Hause nicht in dem Maße erlangen konnte, als es zu meiner bessern Empfehlung nötig war. Hier fand sich denn nun Gelegenheit genug, meine steife Blödigkeit aufzumuntern und für das sittlich gefällige Benehmen mich abzuschleifen und zu dressieren. Mein Kantor hatte außer seiner leiblichen Schwester noch andere Verwandte in Dresden, an welche er häufig etwas zu bestellen oder zu übersenden hatte. Ich gewann bei dergleichen Verschickungen nicht nur an Dreistigkeit und manierlicher Gewandheit, sondern es schien mir auch, daß man es gern sahe, wenn ich der Bote war. Die Schwester, welche die Gattin des Kaufmanns van der Brehling[1] war, entließ mich nie, ohne mich mit etwas zu traktieren, und der jüngere Kaufmann Burscher drückte mir gewöhnlich eine Hand voll Rosinen oder ein Päckchen Zuckerkand in die meinige. „Dein Kleiner“ – sagte er einst zum Kantor in meinem Beisein – „ist ein naiver Zwickel“, ohne daß ich damals verstund, ob dieses Urteil gelobt oder getadelt war.

Auch der im Pfarrhause mit wohnende damalige Diakonus Schnabel[2], der fast täglich bei Kantors einsprach, konnte mich gut leiden und bat mich mehrmals bei meinem Lehrer aus, bald etwas abzuschreiben, bald zu Aufträgen und Verschickungen, besonders an den Superintendent oder den Kircheninspektor. In der

Anmerkungen

  1. Handelshaus van der Breling, auf der Hauptstraße im sogenannten „Gottessegen“.
  2. M. Joseph Amadeus Schnabel, seit 1751 Diakonus, seit 1770 Pfarrer an der Annenkirche, gest. 1786.
Empfohlene Zitierweise:
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 4 (1905 bis 1908). Wilhelm Baensch Dresden, Dresden 1905 bis 1908, Seite 172. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_Vierter_Band.pdf/177&oldid=- (Version vom 29.1.2025)