da man den Anforderungen zur Teilung preußischerseits nicht länger widerstehen könne. – Wir treffen
den 13. Juni früh 2 Uhr in Korbach ein, bis wohin uns ein sehr schlechter, gebirgiger und steiniger Weg führte, da die ganze Gegend von Marburg aus sehr gebirgig ist. – In Korbach finden wir unerwartet den General, dem das Hauptquartier hierher entgegengekommen war. Er hatte, da auch der preußische Kommissarius Generalmajor von Lobenthal sich hier befand, bereits gestern die Teilung des Kommissariats[1] vollzogen. – Die Teilung war ruhig erfolgt, aber der tiefste Schmerz über die Trennung von den Abgegebenen geäußert worden[2]. Der General hatte gestern sowie das ganze Hauptquartier die neue Kokarde[3] angelegt. – Früh melden wir uns beim General und beim Oberst Zezschwitz und freuen uns endlich, die unseren erreicht zu haben, die den General als einen rettenden Engel betrachten[4].
Der General reiste früh 9 Uhr in das Kantonnement des 2. Linienregiments, um bei diesem die Teilung vorzunehmen. Auch hier war sie ruhig und mit Ergebung in den Willen des Königs erfolgt, aber die tiefste Betrübnis hatte alle ergriffen. – Es war dies heute [= heutige] das einzige Regiment, bei dem General Lobenthal die Teilung persönlich mit abgewartet hatte[5]. Er ist ein Mann von Rechtlichkeit, daher hatte er auch versichert, bei den übrigen Regimentern dieser Trauerszene nicht beizuwohnen, da es den Leuten schmerzhaft sein müsse, in der Trennungsstunde von ihren Kameraden durch den Anblick eines preußischen Generals gestört zu werden.
Senft und ich reisen direkte nach Arolsen, woselbst wir in der Mittagsstunde eintreffen . . . . . Major Moritz[6] hatte sich heute bei der Teilung noch sehr schändlich benommen, [war] aber auch dem angemessen vom Regiment entlassen worden; denn Major Lenz[7] hatte ihm, als er die Austauschung dreier Trommeln denunziert hatte, vor den Augen des ganzen Bataillons zugerufen: „Pfuiteufel über den Hundsfott! Ist das der Dank, daß wir ihn so lange in unserer Mitte gelitten haben?“ Alle Anwesenden hatten vor ihm ausgespuckt. – Der General traf mittags 2 Uhr ein. – Das Korps war, seit es die Ordre Gneisenaus erhalten, Krefeld zu verlassen, in sehr zerstreute Kantonnierungsquartiere gekommen[8] usw. . . . . Welche unendliche Schwierigkeit fand daher jetzt das Teilungsgeschäft. Um es nicht noch schwieriger zu machen, ernannte der General für jede Abteilung Kommissare und erteilte ihnen die erforderlichen Vollmachten. Oberstleutnant Anger tritt morgen den Rückmarsch nach Sachsen an . . . . . Beim 2. Linienregiment traten nebst Major Moritz neun Offiziere in preußische Dienste[9] . . . . .“
„Den 14. Juni erfolgte früh die Teilung des 1. Linienregiments. Ich wohnte derselben bei und überzeugte mich dabei selbst von den Herz und Gemüt erschütternden Szenen, so dabei sich zutrugen. Der General hielt dabei nachfolgende Rede und nahm von jedem der entlassenen Mannschaften mit der Hand Abschied. So ruhig und gefaßt auch die Leute anfänglich waren, so sehr äußerte sich ihr Schmerz im Ausbruch von Tränen bei der Eidesentlassung.
Teilung der Armee.
„Es ist den hier versammelten Truppen bereits bekannt gemacht worden, daß S. Maj. der König, mein Herr, einen besonderen Friedenstraktat mit dem König von Preußen abgeschlossen hat, nach welchem derselbe in die verlangte Abtretung mehrerer Provinzen seines Königreiches einwilligt. Dieser Traktat ist von dem Könige von Sachsen und von den hohen alliierten Mächten am 22. Mai unterzeichnet worden. – Der König hat mich zu sich gerufen und mir befohlen zur Armee abzugehen,
um die Teilung der Armee in Gemäßheit des
- ↑ Das Fuhrwesen des mobilen Korps, bestehend aus 82 Reitpferden, 427 Wagenpferden, 100 Wagen und verschiedenen Artilleriestücken. (Kr.-A., Loc. 1449. Die auf allerhöchsten Befehl erfolgte Teilung der Armee usw. betr.)
- ↑ Vgl. das schon oben zitierte Manuskript der Kreuzschulbibliothek, Bl. 26.
- ↑ Sie war von nun an „weiß mit grüner Einfassung“ (Rangliste 1815, S. 18). – In Torgau bezeichnete im März und April 1813 „ein aufgestecktes weißes Kokärdchen die russisch-preußische Partei“ (F. v. D. a. a. O., S. 12). Eine weiße Kokarde wurde jedoch, nach Angabe der Ranglisten, schon vor 1813 in der sächsischen Armee getragen, wenn auch nicht allgemein, so doch von den Offizieren. Nach der Schlacht bei Leipzig ließ Thielmann bei Übernahme des Kommandos der sächsischen Armee die weiße Kokarde durch eine grüne mit gelb und schwarzem Streifen ersetzen (Petersdorff a. a. O., S. 249), eine Kombination des Grüns der sächsischen Raute und, zum Andenken an Kaiser Alexander, eines Teiles der russischen Nationalfarben (schwarz-orange-weiß). Diese dreifarbige Kokarde rissen am 15. März 1815, als die Wiederkehr des Königs bekannt wurde, viele Offiziere und Mannschaften ab und steckten wieder die frühere weiße auf. (A. Kummer a. a. O., S. 75.)
- ↑ „Der Jubel, unseren teuren General v. Lecoq wiederzusehen, ist unaussprechlich.“ (v. Zezschwitz an v. Zeschau, Krefeld, 20. Mai 1815. – H. St. A. Loc. 1133. Rapports u. sonstige auf die Vorfälle zu Lüttich usw. bezügliche Schriften.) Vgl. auch oben Anm. 413.
- ↑ In dem ausführlichen Rapport Lecoqs an den König über die Teilung (Herford, 19. Juni 1815) wird des Generalmajors v. Lobenthal mit besonderer Anerkennung gedacht. (Kr.-A., Loc. 893. Angelegenheiten betr. das usw. sächs. mobile Korps.)
- ↑ Wilh. Friedr. Christian Moritz vom 2. Linienregiment.
- ↑ Joh. Ludw. Ad. v. Lenz.
- ↑ S. o. 5. Juni 1815.
- ↑ Ein Verzeichnis der Offiziere der Infanterie, die in preußische Dienste traten, findet sich im Kr.-A. (Loc. 893. Angelegenheiten betr. das usw. sächs. mob. Korps.)
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 4 (1905 bis 1908). Wilhelm Baensch Dresden, Dresden 1905 bis 1908, Seite 295. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_Vierter_Band.pdf/300&oldid=- (Version vom 4.4.2025)