ohne sich zu kompromittieren, da der General sonder Zweifel eine politische Tendenz in Schwarzenbergs Aufforderung, und wohl mit Recht, zu finden glaubt; denn Vincent[1] hatte sich ja hierüber sehr deutlich gegen Lenz geäußert: Gern würde Schwarzenberg uns zu seiner Armee rufen, allein es wäre das preußische Kabinett dagegen, und mit diesem wolle man es nicht geradezu verderben. Es ward daher beschlossen, dem König die Entscheidung zu überlassen. Senft ging am folgenden Morgen mit dem braven Holto [?][2], dessen Anblick uns alle innigst freute, ins Schwarzenbergsche Hauptquartier, um dort offen und frei unsere dermalige Lage darzustellen[3]. Vorzüglich ward er an Schulenburg[4], den sächsischen Gesandten im Hauptquartier der alliierten Mächte, gewiesen. –
Major von Cerrini und Hauptmann Zedlitz[5] waren heute nach Hannover abgegangen, um daselbst die aus Magdeburg eintreffenden Grenadiere zu übernehmen und anhero zu bringen. – Abends 8 Uhr reist Zezschwitz mit Minckwitz[6] nach Dresden ab.“
„29. Juni. . . . . . Abends trifft Kapitän Oberreit aus Magdeburg mit der Meldung ein, daß das ganze Teilungsgeschäft glücklich beendigt und die Grenadiere auf dem Wege nach Hannover [seien], die Garden nach Dresden. Er rühmt sich des Benehmens des Generals Hirschfeld in Magdeburg. Dieser hatte vor dem Einrücken der Grenadiere an die Garnison den Befehl erlassen, daß der Soldat, der einem Sachsen mit Worten oder Taten auf irgendeine Weise zu nahe träte, fünf Tage hindurch auf Latten zu liegen kommen [würde], der Bürger, über den eine ähnliche Klage komme, sollte mit fünf oder mehr Talern gestraft werden. – Gleich nach Oberreits Ankunft . . . . traf auch eine Staffette von Oberst Raabe mit der Meldung ein, daß nun auch bei der Artillerie das Geschäft der Teilung glücklich beendet und er im Begriff sei, den Anhermarsch anzutreten. Wieviel Freude uns die beiden Nachrichten gewährten, und daß wir endlich die Schwierigkeiten alle besiegt sahen, die man unserer Vereinigung zeither preußischerseits immer in den Weg zu legen gewußt hatte, läßt sich nicht beschreiben.“
„4. Juli. . . . . . Die mit Geibler[7] gekommenen Grenadieroffiziere, namentlich Leutnant von Einsiedel, geben uns getreue Relationen von den Schändlichkeiten der Preußen bei der Desarmierung, so z. B. haben sie den Grenadieren ihre roten Federstütze, welche diese sich aus eigenen Mitteln angeschafft, auf Befehl ihrer Offiziere abgenommen, da sie gesagt [haben]: „Ihr werdet in eurem Leben keine Federstütze mehr brauchen . . . .“
„5. Juli. Abends 10 Uhr trifft Rittmeister von Lindemann[8] vom Husarenregiment als Kurier aus Dresden ein; er war den 2. d. M. weggereist. Er bringt die uns allen so erfreuliche Nachricht, daß wir nicht zu Wellington, sondern sobald als möglich zu Schwarzenberg stoßen sollen. Obschon die Umgebung des Königs gar nicht recht dafür gewesen war, so war doch nach Zezschwitzens Ankunft in Dresden dies der Entschluß eines Augenblicks beim König gewesen, sein Interesse eng mit dem von Österreich[9] zu verbinden. - . . . . .“
„7. Juli. Brause ist heute ins Hauptquartier beordert, da er als Kurier ins englische Hauptquartier gehen soll, um dort den Generalleutnant von Funck[10] aufzusuchen und ihm die Nachricht zu bringen, daß wir den Marsch zum österreichischen Korps antreten. Generalleutnant von Funck war ins englische Hauptquartier gesendet worden, um Unterhandlungen wegen Subsidien[11] zu pflegen. – In der Mittagsstunde trifft Senft wieder ein. Schwarzenberg hat ihn ausgezeichnet artig aufgenommen und ihm gesagt, er werde den Tag segnen, wo er uns unter seinen Befehl treten sähe. Senft hatte den . . .[12] das Hauptquartier in Saarbrücken verlassen. Der Wille des Königs von Preußen war dahin gegangen, uns als Garnison von Wesel zu gebrauchen, allein Schwarzenberg war durchgedrungen. – Das Marschtableau wurde entworfen. Wir brechen den 11. d. M. von hier auf und marschieren, um das preußische Gebiet zu umgehen, über Kassel und Frankfurt nach Mainz, wo wir den 29. einzutreffen gedenken . . . . .“
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- ↑ Österreichischer Gesandter in Wellingtons Hauptquartier.
- ↑ Wahrscheinlich sein Pferd.
- ↑ Lecoq antwortete Schwarzenberg (aus Osnabrück, 26. Juni 1815), daß Wellington noch keine bestimmte Zusage erhalten habe und daß die sächsischen Truppen sehr gern sich mit den österreichischen vereinigen würden. (Kr.-A., Loc. 893, Angelegenheiten usw., s. o.)
- ↑ S. o. Anm. 314.
- ↑ Anton Ludw. Gust. Ad. v. Zedlitz, Brigadeadjutant im Generalstabe.
- ↑ Wahrscheinlich der oben (Anm. 157) genannte Mj. d. Kavall., der zum Stabe des Herzogs von Koburg gehörte.
- ↑ Gideon Karl Kaspar Geibler, Hauptmann im 3. Grenadierbataillon, befehligte am 2. Mai die Wache in Lüttich, wobei er eine anerkennenswerte Umsicht und Festigkeit gegen die Aufrührer zeigte.
- ↑ Wilh. Ferdin. Frh. v. Lindemann.
- ↑ Auch der Herzog von Koburg war für den Anschluß an Österreich (Brief an v. Zeschau, dat. Koburg, 6. Juli 1815. – Kr.-A. Loc. 893. Angelegenheiten usw., s. o.), wodurch sich Sachsen die Wege zur Wiedergewinnung des verlorenen Besitzes offen zu halten glaubte.
- ↑ Karl Wilh. Ferdin. v. Funck, Glt. d. Kav. a. D.
- ↑ Sie wurden schließlich von England gezahlt, u. zw. „für 8000 Mann 22 Schillinge für den Mann auf Jahresfrist.“ (S. Flathe a. a. O., S. 336.)
- ↑ Das Datum fehlt im Tagebuche.
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 4 (1905 bis 1908). Wilhelm Baensch Dresden, Dresden 1905 bis 1908, Seite 299. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_Vierter_Band.pdf/304&oldid=- (Version vom 8.4.2025)