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Seite:Dresdner Geschichtsblätter Vierter Band.pdf/305

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In bezug auf die weiteren Schicksale des sächsischen Korps nach der Teilung bietet das Tagebuch nichts wesentlich Neues. Da inzwischen der Krieg durch die Schlacht bei Waterloo und den schließlichen Einzug der Verbündeten in Paris in der Hauptsache beendet war, so wurden die Sachsen[1], die ursprünglich nach Dijon gehen sollten, dem Erzherzog Karl zugewiesen und nach Kolmar dirigiert, um die Österreicher und Badener in der Blockade von Neubreisach und Schlettstadt abzulösen. Dort blieben sie bis zum Friedensschluß, nach welchem nur noch ein Kontingent von ihnen (5000 M.) als Besatzung in Frankreich verwendet wurde. Die Mehrzahl verlebte Weihnachten 1815 wieder auf heimatlichem Boden.

Die in und bei Kolmar verbrachte Zeit war für die sächsischen Truppen nach den großen Aufregungen eine Periode verhältnismäßiger Ruhe. Die Offiziere waren wieder in der Stimmung, an Vergnügungen zu denken. Viele von ihnen baten sich Urlaub aus, um die nahe Schweiz zu besuchen. Auch Bälle gedachte man zu arrangieren, stieß aber auf den passiven Widerstand der Kolmarer Schönen. Das regt den Verfasser des Tagebuchs zu einem Vergleich mit dem Verhalten der sächsischen Damen in ähnlicher Lage an. Unterm 29. Aug. erzählt er: „Eigentlich, nach der Absicht des Herzog [von Koburg], sollte Ball sein, allein die Damen von Kolmar waren so indiskret – oder, soll ich es nach meinem Urteil nennen, konsequent – teils gleich von Haus aus zu refüsieren, teils nicht zu kommen; denn nach ihrer einstimmigen Versicherung haben sie sich vorgenommen, nicht eher wieder zu tanzen, als bis das Schicksal ihrer Provinz entschieden sei. – Unsere Dresdner, überhaupt sächsischen Damen dachten nicht so. Sie tanzten, sobald sie nur Gelegenheit hierzu fanden, und hätte es mit Kalmücken sein sollen.“[2]

Eine angenehme Unterbrechung des gleichförmigen Dienstes der Sachsen in Kolmar bot die Ankunft der Prinzen Friedrich und Klemens[3], die sich schnell die Herzen der Soldaten wie der Offiziere eroberten; war es doch seit Jahrzehnten nicht geschehen, daß ein sächsischer Prinz beim Heere im Felde gewesen war.

Ein anderer Freudentag für die Armee war wieder der Geburtstag des von allen verehrten Generalleutnants von Lecoq, der abermals festlich begangen wurde. Die dabei gehaltenen Toaste verraten uns die Gefühle, welche die Herzen des kleinen Häufleins der Sachsen damals bewegten. Über die allgemeine Trauer wegen der Geschehnisse des verflossenen Jahres wagten einige Optimisten die Sonnenstrahlen der Hoffnung zu verbreiten.

Diese Hoffnung auf eine Wiederherstellung Sachsens in seinem alten Umfange hat sich ja nicht bewährt, und es muß anerkannt werden, daß König Friedrich August nie den Versuch gemacht hat, etwas zu ihrer Verwirklichung zu unternehmen[4], sondern sich ehrlich an den mit Preußen geschlossenen Frieden gehalten hat. Daß sie aber noch lange in Sachsen fortlebte, ist bekannt. Sie wurzelte so tief in den Herzen vieler Sachsen wie der Haß und die Verbitterung gegen Preußen wegen des erlittenen Unrechtes, zu dem sich auch noch Schmähungen und Verunglimpfungen gesellten. Um diesen letzteren entgegenzutreten, hat von Zezschwitz sich später veranlaßt gesehen, die Vorgänge bei der sächsischen Armee in den Jahren 1814 und 15 geschichtlich darzustellen. Im Jahre 1850, fünf Jahre nach seinem Tode, erschien diese Schrift im Druck unter dem etwas seltsamen Titel: „Aktenmäßige Darstellung der Königlich preußischen Dezimation des seinem Eide treugebliebenen sächsischen Heeres.“[5] Es ist dies die relativ beste und ausführlichste Quellenschrift[6] für die Geschichte des sächsischen Heeres in jener Zeit. Die schon erwähnte Abschrift

des Manuskriptes, die sich in der Bibliothek der Kreuzschule


  1. Sie erreichten allmählich durch Nachschübe aus der Heimat eine Stärke von 19 000 Mann. (Flathe a a. O., S. 337).
  2. Daß es den Dresdner Damen in der Zeit des preußischen Gouvernements nicht an Zerstreuungen fehlte, beweist ein Bericht aus Dresden vom 9. Febr. 1815 (abgedr. i. d. Allg. Zeitung vom 19. Febr. desselben Jahres): „An gesellschaftlichen Vergnügungen haben wir in dem gegenwärtigen Winter keinen Mangel. Wöchentlich waren in dem Hotel de Pologne ein Ball und eine Maskerade, die beide sehr belebt und zahlreich waren. . . . . Außerdem haben wir häufige Tanz- und andere Gesellschaften in Privathäusern gehabt. Der General und Gouverneur Frh. v. Gandi gab neuerlich einen Ball, auf welchem nahe an 400 Personen beiderlei Geschlechts versammelt waren. . . . .“
  3. Die Söhne des Prinzen Maximilian.
  4. Auch während seiner Gefangenschaft war er allen Intrigen so abhold, daß seine nächste Umgebung (v. Zeschau und v. Einsiedel) es nicht wagten, ihm gewisse Anerbietungen und Vorschläge zu unterbreiten. (K. v. Weber, Graf v. Einsiedel, im Archiv f. d. sächs. Gesch. 1. Bd. S. 108 u. 114.)
  5. „Der Geschichte des Wiener Kongresses von Capefigue zweite Abteilung.“ Leipzig u. Grimma, Druck und Verlag des Verlagkomptoirs.
  6. Nicht in vollem Umfange verdienen diese Bezeichnung die 1847 in der Sächsischen Dorfzeitung (Verlag von Heinrich und Walther) ohne Angabe des Verfassers erschienenen „Bilder aus dem Soldatenleben“, welche die gleichen Ereignisse behandeln und sich auf eine Abschrift der Zezschwitzischen Darstellung und auf das schon genannte anonyme Manuskript der Kreuzschule über die Lütticher Affaire gründen, die ihrerseits beide aus dem Nachlasse des 1886 verstorbenen Stadtrats Walther stammen. – Von den neueren Darstellungen der Ereignisse bei der sächsischen Armee 1814 und 1815 verdient besonders die Anlage 4 zum 1. Bd. von „Napoleons Untergang 1815“ von Generalmajor a. D. v. Lettow-Vorbeck hervorgehoben zu werden. Hier wird die Vorgeschichte der Meuterei in Lüttich sehr klar und unparteiisch erzählt, in der Beurteilung der Schuldfrage steht der Verfasser indessen zu sehr im Banne der preußischen Auffassung. Dabei muß freilich berücksichtigt werden, daß ihm nach seiner Angabe (S. 501, Anm.) nicht das gesamte einschlägige Material des sächsischen Kriegsarchivs zur Verfügung gestanden hat.
Empfohlene Zitierweise:
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 4 (1905 bis 1908). Wilhelm Baensch Dresden, Dresden 1905 bis 1908, Seite 300. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_Vierter_Band.pdf/305&oldid=- (Version vom 8.4.2025)