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dort jeder Sinhalese gern für sich und seinen engsten Familienkreis lebt. Nähert man sich jedoch größeren Orten Südindiens, z. B. Madura[WS 1], der ersten Großstadt, die wir auf unserem Wege von Süd nach Nord antreffen, so bemerkt man inmitten der mageren, hier auf Aloe und Euphorbien[WS 2] beschränkten Vegetation, die von dem roten Staube der mit Laterit makadamisierten[WS 3] Landstraßen dick überpudert ist, schon aus weiter Ferne auffallende wunderliche Baulichkeiten als Wahrzeichen eines von Ceylon wie von Birma völlig verschiedenen Landes. Ragten dort schneeweiß getünchte, glatte Glockenformen buddhistischer Dagobas in die Lüfte, so scheint hier das Brahminentum durch auffallende kühne Riesentürme verkünden zu wollen, daß seine Macht hier noch ebenso stolz und ungeschwächt fortbesteht, wie sie im grauen Altertum blühte, und daß sie sowohl den Reformationsdrang des Buddhismus wie den Ansturm des Islam siegreich überdauert hat. Jene halbkugelförmigen Reliquienschreine der Dagobas in Ceylon standen klar, einfach und schmucklos wie die ursprüngliche Lehre Buddhas vor uns, erdrückend schwer und ungeheuerlich, wie eine Verkörperung der gewaltigen uralten Hierarchie des Brahminentums, starren uns hier diese „Gopura“-Türme[WS 4] entgegen, die sich neben und über den Eingangstoren zu den brahminischen Tempeln erheben; doch ebenso wie dieser Kultus durch allerlei fabelhafte Legenden und götzendienerische Gebräuche entartet ist, so sind auch sie mit architektonischem Ausputz überladen. Diese Gopuras stehen vor uns wie Ausrufezeichen, die uns melden, daß wir nunmehr in das märchenhafteste Gebiet Indiens gelangt sind, in ein Gebiet, das freilich, so denkwürdig es in historischer wie mythischer Beziehung auch ist, längst von seiner stolzen, kulturführenden Bedeutung heruntergesunken ist und in nichts mehr daran erinnert, daß hier schon zur Zeit der ersten römischen Kaiser kraftvolle Könige geherrscht haben.

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Tor des Schiwa-Tempels in Madura.

Unter den fast hunderttausend dunkelfarbigen Einwohnern Maduras verschwinden die wenigen in dieser Stadt wohnenden Engländer vollständig; man kann tagelang auf den Straßen herumgehen, ohne den weißen Sonnenhut eines Europäers zu Gesicht zu bekommen. Die eingeborenen tamulischen Indier sehen ganz anders aus als die Hindus des nördlichen Indiens, die wir bereits auf Ceylon trafen und denen wir hier in größerer Anzahl begegnen. In Südindien haben wir überall drawidische[WS 5] Sprach-, Rassen- und Kulturerscheinungen der einstigen Urbevölkerung vor uns, im nördlichen Indien dagegen diejenigen der von Nordwesten hereingebrochenen arischen Eroberer und Einwanderer, deren Sprachen dem indogermanischen Stamme angehören, ein Unterschied, der am nachdrücklichsten durch die uns hier umgebenden drawidischen Bauten zu Tage tritt.

Vor dem Eingang zu dem größten Tempel Maduras, der dem furchtbaren Gott Schiwa oder Mahadeo[WS 6] und seiner Gemahlin geweiht ist, traf ich ein so lebhaftes Gedränge, daß mir nichts anderes übrig blieb, als auf das flache Dach eines gegenüberliegenden Bazargewölbes zu klettern, um ungestört Bilder des Tempeleinganges und des Torturmes aufzunehmen; einer der Kaufleute,

die in der Halle ihre Verkaufsstände haben, ließ mir hilfsbereit ein Gitter

Anmerkungen (Wikisource)

  1. WS: Madura: vergleiche Madurai
  2. WS: Aloe und Euphorbien: Sukkulenten, vergleiche Aloen und Wolfsmilch
  3. WS: mit Laterit makadamisiert: vergleiche Laterit und Makadam
  4. WS: Gopura: vergleiche Gopuram
  5. WS: drawidisch, Drawide: vergleiche Draviden
  6. WS: Schiwa/Mahadeo: vergleiche Shiva/Mahadeva
Empfohlene Zitierweise:
Kurt Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1903, Seite 69. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Durch_Indien_ins_verschlossene_Land_Nepal.pdf/101&oldid=- (Version vom 1.7.2018)