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Sande vergrabener ungeheuerer erratischer Felsmassen herausgemeißelt werden mußten, war schon an und für sich eine kaum verständliche Erschwerung des Tempelbaues. Daß die figürliche Ausstaffierung dieser absonderlichen Pfeiler mit mythologischen Geschöpfen, mit dem hier immer wiederkehrenden Jali[WS 1], dem „Löwen des Südens“, oder mit Elefanten, den Sinnbildern göttlicher Weisheit, oder mit mythischen Heldenfiguren, fratzenhaften Göttergestalten und phantastisch überladenen Kapitälen das Tollste bot, was die schaffenseifrige Tamulenphantasie zu leisten vermochte, kann weniger wundernehmen, als die erstaunliche Tatsache, daß es den Tausendkünstlern von Baumeistern sogar gelang, Dinge in ihrem Bauwerk anzubringen oder darein zu verflechten, die allenfalls in ein Riesen-Raritätenkabinett, aber nun und nimmermehr in einen Tempel gehören. Eine lose, frei in dem fast geschlossenen Riesenrachen eines Jalilöwen bewegliche Steinkugel auszuarbeiten, einen ungeheueren Felsblock als Tempeldachfirst so geschickt wegzumeißeln, bis daraus schließlich eine steinerne Kette mit losen, beweglichen Gliedern wurde, und ähnliche technische Künsteleien, das waren die baulichen Probleme, die jene Künstler reizten, weil ihnen die flammend hehre Begeisterung fehlte, die nur aus einem geklärteren religiösen Empfinden hätte entspringen können. Das vorwiegende religiöse Gefühl dieser drawidischen Volksrasse ist und war stets nur die zitternde Angst vor Dämonen und entsetzlichen Gottheiten, besonders vor dem übermächtigen Schiwa, hier Sandarischwara[WS 2] genannt, verbunden mit dem Bestreben, unter dem Beistand der Priester diese Götter durch reichliche Opferspenden zu freundlichem Verhalten zu zwingen.

Die tyrannisch-eifersüchtige, skrupellos gebrauchte Macht der hier seit alter Zeit herrschenden brahminischen Priester erhellt aus der Annahme, daß selbst der hochherzige König Tirumal Najak[WS 3], dem der Tempel und seine Priester unendlich viel Wohltaten zu verdanken hatten, von diesen selben Brahmanen umgebracht wurde, sobald er anfing, dem in Südindien überaus gewandt und erfolgreich wirkenden Jesuitenmissionar Robert de Nobilibus[WS 4] steigendes Wohlwollen zuzuwenden. Wie die wohl aus Wahrheit beruhende dramatisch wirkende Sage berichtet, sind sie nicht davor zurückgeschreckt, den König unter dem Vorwande, ihm einen neu entdeckten Schatz zeigen zu wollen, heimlich in die unter dem Tempel befindlichen Gewölbe zu locken und darin durch riesige, vor den Ausgang gewälzte Steine lebendig zu begraben; sie folgten dabei buchstäblich dem brahminischen Verbot, menschliches Blut zu vergießen, und erstickten zugleich durch die Ausstreuung einer plötzlichen Himmelfahrt des Königs alle Nachforschungen über dessen Verbleib.

Auf Schritt und Tritt begegnen wir in dieser wunderbaren Umgebung so seltsamen Überraschungen, daß uns schließlich die zahllosen Märchen und Sagen, die sich hier abgespielt haben sollen, nicht unglaublich erscheinen, und kaum wundert es uns noch, wenn mitten zwischen den Händlern und Schneidern, die in den geräuschvollen Tempelgängen ihre Geschäfte betreiben, urplötzlich

riesenhafte Elefanten erscheinen, um uns so lange entsetzlich kreischende Töne

Anmerkungen (Wikisource)

  1. WS: Jali: vergleiche Yali (Mythologie)
  2. WS: Sandarischwara: Sandarishvara, andernorts rezipiert auch als Göttin und Gemahlin des Shiva
  3. WS: Tirumal Najak: Thirumalai Nayak (en) regierte 1623-1659, über eine Ermordung ist dort nichts bekannt, vermutlich ist Boeck falsch unterrichtet gewesen
  4. WS: Robert de Nobilibus: vergleiche Roberto de Nobili (1577-1656)
Empfohlene Zitierweise:
Kurt Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1903, Seite 72. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Durch_Indien_ins_verschlossene_Land_Nepal.pdf/106&oldid=- (Version vom 1.7.2018)