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in die Ohren zu trompeten, bis wir einige Münzen zum Besten des Tempels in den begehrlich hin und her pendelnden Rüssel gesteckt haben.

Nicht weit von dem Allerheiligsten des erwähnten Tempels, unter dessen Steinfliesen König Tirumal sein Leben ausgehaucht hat, befindet sich ein von einem Kreuzgang umgebener Teich, wie solche in jedem Tempelbezirke für die täglichen religiösen Waschungen der Hindus angelegt sind. An diesem Tempelteich in Madura stand einst die berühmte Marmorbank, auf der nur die 48 Mitglieder der drawidischen Dichterakademie zu sitzen das Recht hatten; diese durften sogar im Tempel wohnen, da ihre 48 Mitglieder nach der Legende als 48 Teile der Göttin Saraswati[WS 1] betrachtet wurden, die von ihrem Gemahl, dem Weltschöpfer Brahma[WS 2], zu 48 irdischen Existenzen verurteilt worden war, weil sie an den Liedern eines Barden zu viel menschliches Wohlwollen gefunden hatte, und die aus ganz besonderer Gnade diese 48 Existenzen in der genannten Verkörperung gleichzeitig statt nacheinander verbüßen durfte. Diese Sage ist für die Sinnlichkeit und Phantastik bezeichnend, die alle, selbst die religiösen Anschauungen dieser drawidischen Hindus umkleidet, aber ebenso märchenhaft- charakteristisch ist auch ihre drollige Fortsetzung. Die Tamulen sind nämlich überzeugt, daß ihr größter Dichter Tiruwalluwar[WS 3], der längere Zeit vergeblich versucht hatte, auf der Dichterbank ein bescheidenes Plätzchen zu erringen, eines Tages mit seinem Hauptwerk, dem Kural[WS 4], vor den bereits auf der Bank sitzenden göttlichen Kollegen erschienen sei und, ohne viel Worte zu machen, nur sein Buch auf eine Ecke der Marmorbank gelegt habe, worauf diese sogleich dermaßen zusammengeschrumpft sein soll, daß nur dies Buch darauf liegen blieb, die 48 lieben Kollegen aber Mann für Mann in den Tempelteich rutschten.

Das Getriebe in den südindischen Tempeln kann einen unerfahrenen Besucher so verblüffen, erschüttern und betäuben, daß er wie ein Fieberkranker oder Nachtwandler herumschwankt. Die ungewöhnlichen Gestalten fanatischer Büßer und religiöser Bettler, die kreischenden Krüppel und Blödsinnigen, die feilschende, hastende, schnatternde oder vor unsauberen Götzen blutige Tieropfer darbringende bunte Menge, die trompetenden Tempelelefanten, deren Zweck der Fremdling zunächst gar nicht einsieht, und das warnende Geschrei ihrer Treiber, das Geklingle, Getute und Tamtam-Gepauke der Priester, dazu die widerwärtige Mischung von Gerüchen nach mit Senföl eingeriebenen schwitzenden Menschen, nach rußenden Öllampen und den durchdringenden Düften von tropischen Blumen oder Rosenölwasser inmitten der märchenhaften Szenerie – fürwahr, kein nach Sensationen dürstender Maler kann wildere Träume haben, als das Schauspiel, das hierin beständig und rasch wechselnden Bildern und noch dazu in geheimnisvollem Halbdunkel vorbeizieht!

Der bereits erwähnte kunstliebende König Tirumal mußte den Brahmanen zuliebe für die zahlreichen Tempel und Gopuras, die er in Südindien erbaute, die überlieferten, altdrawidischen Bauformen beibehalten. Beim Bau seines Palastes schuf er dagegen mit Hilfe der wichtigsten drawidischen Skulpturformen,

z. B. des südindischen Löwen Jali, aus gotischen Baumotiven und sarazenischen

Anmerkungen (Wikisource)

  1. WS: Saraswati: vergleiche Sarasvati
  2. WS: Brahma: vergleiche Brahma
  3. WS: Tiruvalluvar: vergleiche Tiruvalluvar
  4. WS: Kural: vergleiche Tirukkural
Empfohlene Zitierweise:
Kurt Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1903, Seite 73. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Durch_Indien_ins_verschlossene_Land_Nepal.pdf/107&oldid=3178657 (Version vom 1.7.2018)