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Sobald ein brahminischer Hindu sein rituelles Morgenbad mit den vorgeschriebenen Rücken-, Kopf- und Schultergüssen genommen hat, geht er zu einem inmitten von Farbentöpfen nahe dem Badeplatz hockenden Brahmanen, kauert vor ihm nieder und läßt sich von dem kunstfertigen Priester das seiner Kaste oder Sippe zukommende Stirnzeichen, das Tilak oder Nama[WS 1], auf die Stirn schminken, auf daß jedermann wisse, welchen Gottes Verehrer er ist. Doch nicht genug damit. Auch die in den Dienst der Tempel gestellten Zugtiere, die Elefanten, die bei festlichen Umzügen die Götterbilder auf schwerfälligen Karren durch die staubigen oder kotigen Straßen schleppen, müssen allmorgendlich vor dem priesterlichen Maler niederknien, um ihren Stirnstempel zu erhalten, nachdem sie mittelst Besen und faseriger Kokosnußschalen in der Schwemme gründlich abgescheuert wurden. Ja selbst leblose Kultusgeräte und sogar die Wände und Tore der Tempel verkünden durch derartige Zeichen, welcher Gottheit die Stätte geweiht ist.

Von den 300 Millionen Bewohnern Vorderindiens sind etwa 250 Millionen brahminische Hindus. Diese stattliche Religionsgemeinschaft erkennt zwar Brahma als unbestrittenen Weltschöpfer an, zollt demselben aber als einem Gotte, der seine Aufgabe längst erledigt hat, keine sonderliche Verehrung mehr, sondern gliedert sich in zahlreiche Sekten, die aber alle entweder dem gütigen Welterhalter Wischnu oder dem auf Weltzerstörung bedachten Schiwa die höhere Machtstellung einräumen. Diese beiden Hauptgottheiten treten jedoch ebenso wie ihre Gemahlinnen in vielfältigen Verkörperungen unter ebenso vielen verschiedenen Namen auf, und um jede dieser Inkarnationen bildet sich eine Verehrergruppe, die der von ihr bevorzugten Lieblingsgottheit besonders kräftiges Beistehen in allen Lebensfragen zutraut. Da es außerdem nach der brahminischen Götterlehre noch 330 Millionen untergeordneter Gottheiten gibt, kann es nicht wundernehmen, daß sich die beiden Heerlager der Wischnuiten und Schiwaiten[WS 2] aus sehr verschiedenen Sekten mit kleinen Unterschieden in ihren Wappenschildern oder Stirnzeichen rekrutieren.

Ein Hindu, der schlecht und recht dem guten Gotte Wischnu seine religiöse Verehrung zuwendet — wozu ihn natürlich niemals freie Überzeugung, sondern allein die in seiner Kaste seit uralten Zeiten herrschende Ansicht bestimmt —, läßt sich vom Hausbrahmanen, dem Guru, oder bei Familienfesten von den nächsten Verwandten ein Namazeichen in Gestalt eines unten abgestumpften römischen V auf die Stirn malen.

Dies Wischnuzeichen wird von den verschiedenen Sekten verschieden gedeutet, denn die einen erklären es für die beiden Fußsohlen des Gottes, und andere begnügen sich, darunter nur einen Fußabdruck desselben zu verstehen. Durch die Verschiedenheit der Länge und Neigungswinkel beider Seitenlinien dieses Stirnzeichens, durch fehlende, verzierte oder geradlinige Verbindung derselben drücken die Wischnuiten die verschiedene Verklausulierung ihrer Anerkennung Wischnus aus. Will z. B. der Inhaber eines solchen Zeichens zu verstehen

geben, daß seine Hochachtung sich in gleichem Maße auf die bessere Hälfte

Anmerkungen (Wikisource)

  1. WS: Tilak, Nama: vergleiche Tilaka (de), Naamam (en)
  2. WS: Wischnuiten, Schiwaiten: vergleiche Vishnuismus, Shivaismus
Empfohlene Zitierweise:
Kurt Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1903, Seite 77. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Durch_Indien_ins_verschlossene_Land_Nepal.pdf/115&oldid=3178653 (Version vom 1.7.2018)