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durch ein Paket Banknoten zurückzukaufen, statt sich, kaum im Hafen von Kolombo[WS 1] gelandet, von seiner Angegirrten wegen „gebrochenen Eheversprechens“ gerichtlich belangen zu lassen. Ceylon ist nämlich englisches Kroneigentum, also nicht Kolonie wie Ostindien oder Australien, und in Fragen der Galanterie machen bekanntlich britische Gesetze nicht viel Federlesens mit dem armen verliebten Sünder. Auch beim Geldwechseln müssen wir diesen Verwaltungsunterschied zwischen Indien und Ceylon beachten, denn hier wird die Landesmünze, die Rupie[WS 2], die einem Silbergulden an Größe und schwankendem Kurswerte ähnelt, nicht wie auf dem indischen Festlande in 16 Annas, sondern in 100 Cents eingeteilt; außerdem rollen auf Ceylon Schillinge und Sixpence so munter wie im Mutterlande, dem sogenannten fröhlichen Old England.

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All diese Finanzverhältnisse kennt der kleine Bursche ganz genau, der in seinem winzigen Nachen, einem ausgehöhlten Mango-Stamme, hurtig an unsern Dampfer, einen modernen Riesen-Jagdhund des Meeres, herangepaddelt kommt; „ach, Sir, werfen Sie doch nur einen winzigen kleinen Sixpence über Bord!“ so bettelt der kleine braunschwarze Taucherbengel ohne Unterlaß. Kaum berührt der blinkende Silberling den lauen Wasserspiegel, so schießt der Knirps kopfüber hinterdrein und verrät während des Sprunges unabsichtlich, daß seine von der Äquatorsonne nicht versengten, gen Himmel zeigenden Fußsohlen so fleischfarbig sind wie die weiße Haut der auf diesen Überzug stolzen Europäer.

Bevor noch der kleine Tauchkünstler aus dem Wasserschlund wieder emporgekommen und in seinen herrenlos auf den Wellen tanzenden Einbaum hineingeklettert ist, eilt bereits ein ebenso drolliges, nur aus zwei dicken Knüppeln zusammengebundenes Fahrzeug, ein Katamaran, unserem Dampfer entgegen. Hastig hopst auch dort einer der beiden winzigen Ruderer in die grüne Tiefe, um seinem kleinen Kollegen die hinabsinkende Münze wegzuschnappen; hochaufschäumender Gischt verkündet die Gier, mit der er sich in die Jagd nach dem Gelde hineinstürzt. Die nackten Burschen sind gelernte Tauchkünstler, die beim Einsammeln von Perlaustern ebensoviel ernten, wie die mit moderner Taucherausrüstung in die Tiefe Steigenden. Höhnisch lächelnd schauen die weißen Fahrgäste eine kurze Minute von der Schiffstreppe auf diesen edlen

Wettkampf an der Eingangspforte des „Paradieses“ Ceylon hinunter, dann eilen sie, ans Land zu kommen, um dem Geräusch und Schmutz des Kohleneinschaufelns auszuweichen; natürlich wählen sie dazu bequemere Boote, als die schmalen, unser Schiff auf allen Seiten umschwärmenden Kähne der Früchteverkäufer

Anmerkungen (Wikisource)

  1. WS: Kolombo: vergleiche Colombo
  2. WS: Rupie: vergleiche Indische Rupie
Empfohlene Zitierweise:
Kurt Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1903, Seite 2. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Durch_Indien_ins_verschlossene_Land_Nepal.pdf/20&oldid=- (Version vom 16.7.2018)