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bis er seinen Klaps auf der Schulter verspürt. Wie mancher ist auf diese Weise statt in ein gewünschtes Theater auf einen abgelegenen Friedhof befördert worden!

Die landschaftlich ungemein reizvolle Fahrt erinnert uns daran, durch wieviel Hände diese herrliche Insel als Zankapfel habsüchtiger Völker gegangen ist. Jener stille Friedhof umschließt die verwitterten Denksteine portugiesischer Eroberer, und diese älteren einstöckigen Häuser hier erzählen von den einstigen holländischen Kolonisten, die in allen Klimaten ihre heimatlichen Türen und Fenster mit Glasscheiben beibehalten; die Engländer ziehen dagegen in ihren Bungalos sogenannte venezianische Vorhänge vor, die aus Schnüren bestehen, auf denen längliche, buntfarbige Glasperlen aufgereiht sind, so daß die hübsch gemusterten Gitter zwar einen beständigen Luftwechsel erlauben, jedoch das Eintreten der stets barfuß herumschleichenden Diener oder anderer Eingeborenen durch das Klappern und Rauschen der Perlenschnüre verraten; mit Wasser besprengt, dienen sie zugleich zum Abkühlen der Luft in den Zimmern.

Dem üppig grünenden Boden, worüber wir hinrollen, sieht man es nicht mehr an, wie blutgetränkt er ist, und nur dem Kundigen rauschen die Palmwipfel, unter denen unser Wagen dahinfährt, einen furchtbaren Sang von unglaublichen Scheußlichkeiten, die hier nicht etwa von barbarischen Kannibalen oder anderen Menschenhyänen, sondern von weißen Kulturträgern verbrochen wurden, die einander die fruchtbare, schätzereiche Insel abzujagen strebten.

Die ursprünglichen Eroberer Ceylons kamen bereits lange vor Christi Geburt vom indischen Festlande herüber. Arische Indier aus dem Gangestale unterwarfen die fast wilden Urbewohner, die Weddas[WS 1], und führten Gewerbe und Ackerbau, Künste und Wissenschaft ins Land, und buddhistische Sendboten drückten dieser Kultur den Stempel religiöser Weihe auf. Vielfach wird geglaubt, daß das Eiland von diesen Buddhisten Sinhala Dwipa d. h. Löwen-Insel genannt wurde, weil ihr Religionsstifter den Zunamen des „Löwen“ führte, weshalb die Schreibung Sinhalesen der üblichen Singhalesen vorzuziehen ist[WS 2]; andere halten es für wahrscheinlich, daß bei der Namengebung die Legende mitwirkte, wonach der erste mythische Eroberer und Kolonisator Ceylons von einem Löwen und einer geraubten indischen Prinzessin abgestammt sein soll. Afrikanische Löwen haben jedoch Ceylon ebensowenig wie Indien unsicher gemacht, und nur der mähnenlose persische Löwe soll in früheren Zeiten im nördlichen Indien gehaust haben.

Nach diesen ersten Fremdherren machten sich die Phönizier und später, d. h. vor nunmehr tausend Jahren, handeltreibende Araber für lange Zeit zu Herren des wertvollen Landes. Zufällig kam jedoch im fünfzehnten Jahrhundert der an den Küsten herrschende Sinhalesenkönig mit Portugiesen in Berührung und bat sie um Beistand gegen die Araber, indem er ihnen dafür reiche Zimtgaben darbot. Aber auch die Portugiesen machten sich im Laufe

der nächsten anderthalb Jahrhunderte durch Anmaßung und Willkür ebenso mißliebig wie die Araber, so daß fortwährende Streitigkeiten mit den Selbstbewußteren

Anmerkungen (Wikisource)

  1. WS: Weddas: vergleiche Veddas
  2. WS: Sinhalesen, sinhalesisch: vergleiche Singhalesen, Boeck folgt hier offenbar bewusst der englischen Transliteration
Empfohlene Zitierweise:
Kurt Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1903, Seite 5. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Durch_Indien_ins_verschlossene_Land_Nepal.pdf/23&oldid=3200235 (Version vom 16.7.2018)