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Als am Schlusse des vorigen Jahrhunderts die Auffindung der verschollenen Geburtsstätte des Seelenerlösers so vieler Asiaten, des abgöttisch verehrten Buddha, auf nepalischem Gebiet allgemeines Aufsehen erregte[WS 1] und die Blicke der Wißbegierigen auf das Land Nepal lenkte, da erwachte meine alte Sehnsucht nach Indien und dem Himalaja, nach Strapazen, Gefahren und Abenteuern, nach Forschen und Wandern in geheimnisvollem, romantischem Lande. Ich war schon entschlossen, mich unter einer Verkleidung nach Nepal hineinzustehlen, um meine Kenntnis Indiens zu vollenden, doch dank einer mir von sehr hoher Stelle zugewendeten Fürsprache glückte es den Bemühungen des in Indien ungemein beliebten deutschen Generalkonsuls Herrn von Waldhausen[WS 2], den Durbar, d. h. die Regierung Nepals, durch das indische Auswärtige Amt zu bewegen, mir den Besuch des Landes unter gewissen Einschränkungen zu gestatten, Einschränkungen, denen sich selbst der in Katmandu, der Hauptstadt Nepals[WS 3], zugelassene englische Gesandte oder „Resident“ unterwerfen muß.

Ganz im Gegensatz zu allen anderen sogenannten unabhängigen Fürstentümern in Indien, in denen der leiseste Wunsch des englischen Residenten einem Befehle gleichkommt, der unbedingt befolgt werden muß, hat es Nepal verstanden, sich trotz seiner schließlich ungünstig verlaufenen Kriege gegen England in den Jahren 1815 und 1816[WS 4] seine Unabhängigkeit zu bewahren. England hütet sich weislich, das Verhältnis zu scharf zu spannen, da es gerade aus dem Lande Nepal den besten Kern seines indischen Truppenmaterials, die Gorkhas[WS 5], rekrutiert, und sagt deshalb lieber: Nepal ist eine saure Traube in unserem reichen indischen Weinberge, die wir vorläufig gar nicht mögen! Allerdings fällt es dem hochmütigen Albion[WS 6] dabei wohl nicht gerade leicht, den Verdruß über die Sperrung der Landesgrenze hinunterzuschlucken, dergemäß selbst der englische Gesandte dort nicht viel anders als in einem „goldenen Käfig“ geduldet wird und unter keinen Umständen die von Europäern noch nie betretenen westlichen Gebiete Nepals besuchen darf.

Mir wurde in Kalkutta amtlich mitgeteilt, daß das Rasthaus in Katmandu, der Hauptstadt Nepals, während des Monats Dezember für mich reserviert sein würde; meinen Paß würde ich aber erst an der Grenzwache innerhalb des Landes zugestellt erhalten. In Indien, wo allerdings Klatsch und Verlästerung mit tropischer Giftigkeit sprießen, wurden mir aber nun die Nepaler allerseits dermaßen angeschwärzt, daß mein Glaube an diese Botschaft etwas wacklig wurde und ich meine Reisevorbereitungen in Kalkutta mit einiger Beklommenheit beschleunigte.

Bekanntlich türmt sich in Nepal, um das Maß seiner Merkwürdigkeiten recht voll zu häufen, das ungeheure Himalajagebirge in Gestalt des Gaurisankar oder Mount Everest[WS 7] zu seinem gewaltigsten Gipfel, mithin zum höchsten Berge unserer Erde zusammen. Über diesen noch nie von einem Europäer betretenen Gebirgsstock, ja selbst über seinen bei den Eingeborenen üblichen

Namen und über die Frage, ob dieser Berg tatsächlich der höchste in dem Grenzgebirge zwischen Tibet und Nepal sei, herrschte eine derartige Unklarheit und

Anmerkungen (Wikisource)

  1. WS: verschollene Geburtsstätte: vergleiche Lumbini, gefunden 1896 von Alois Anton Führer
  2. WS: Generalkonsul Herr von Waldhausen: vergleiche Julius von Waldthausen (1858-1935)
  3. WS: Katmandu: vergleiche Kathmandu
  4. WS: Kriege: vergleiche Gurkha-Krieg
  5. WS: Gorkhas: vergleiche Gurkha
  6. WS: Albion: vergleiche Albion
  7. WS: Gaurisankar und Mount Everest: vergleiche Gauri Sankar, Erstbesteigung 1979; Mount Everest, Erstbesteigung 1953
Empfohlene Zitierweise:

Kurt Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1903, Seite 223. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Durch_Indien_ins_verschlossene_Land_Nepal.pdf/234&oldid=3129737 (Version vom 21.5.2018)