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qualvoll erscheinende Sitzweise eines geistlichen Lehrers. Selbst zu den Bemerkungen lebenslustiger Spötter lächelt er mild, indem er ihnen kopfschüttelnd zuflüstert: „Alles, was uns umgibt, ist nicht Wirklichkeit, sondern nur ein Traum!“ Bereits mit siebzehn Jahren galt dieser Mann für einen der größten Sanskrit-Gelehrten Indiens, und mit stillem Lächeln zeigt er die in seinem Stammbuch eingetragenen Namen berühmter Besucher.

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Szene am heiligen Ganges in Benares;
links ruft ein Brahmane die aufgehende Sonne an.

Nicht allein in so kritischen Zeiten schwerster Heimsuchung, wie sie nun schon jahrelang über das ausgesaugte, einst so reiche Indien dahinziehen, nein, jahrein, jahraus pilgern unzählbare Massen sehnsuchtsvoller Hindus nach Benares, das für viele der Ort wird, „von des Bezirk kein Wanderer wiederkehrt“. Schwerkranke und Sterbende lassen sich in größter Eile nach Benares schaffen, und mittelst Eisenbahnen, Schiffen, Palankinsänften oder Ochsenkarren, wohl auch auf dem Rücken von Elefanten und Kamelen werden sie aus allen Richtungen herbeigebracht, um angesichts des über dem Spiegel des heiligen Gangesstromes aufstrahlenden Tagesgestirnes ihre Augen zu schließen und alsbald dort verbrannt zu werden; der Tod verliert seine Schrecken für den Hindu durch die Gewißheit, daß die in seinem Körper „zu Schmerz und Lust gefügten Atome“ nach dem Ableben in Aschenform der heiligen, das heiße Indien bewässernden und fruchtbar machenden Flut der „ewigen Mutter Ganga“ anvertraut werden.

Will der Leser mit mir diesen Verbrennungsplatz Manikurnika-Ghat[WS 1] oder burning-ghat, wieder Engländer sagt, besuchen? Der Anblick erfordert nur dann außergewöhnlich feste Nerven, wenn in Zeiten verheerender Pestilenzen unaufhörlich neue Massen von Leichnamen zur Einäscherung durch die Flammen herbeigeschafft werden.

Langsam rudert unsre Barke an den Treppen oder Ghats vorüber, die aus morschen Tempelhallen und den zerbröckelnden Palästen indischer brahminischer Fürsten, deren Namen sie tragen, zum Flußbett hinunterleiten. So treiben wir vorbei am Radschah Pottia Ghat und am Ghat des Radschah von Indor[WS 2]. Während des ganzen Nachmittags liegen diese Marmor- und Sandsteinstufen verödet, auf denen nur bei Sonnenauf- und -niedergang ein unabsehbares Kommen und Gehen von Badenden wogt. Hie und da hocken unter riesigen Sonnenschirmen aus Bambusgeflecht ein paar nackte Büßer, die durch unablässiges Starren in die Sonne oder ähnliche Andachtsübungen fast blödsinnig geworden sind.

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Verbrennungsplatz der Leichen in Benares.
Links oben wird ein Leidtragender rasiert; unten wird ein in das Leichentuch gehüllter Körper vom heiligen Ganges bespült.

Unweit des schimmernden Palastes des Radschah von Nagpur herrscht reges Leben; wir nähern uns dem Verbrennungsplatz der Toten. Rauchwolken qualmen empor und tragen die furchtbaren Düfte von verbranntem Fleische und versengtem Haar zu uns herüber.

Die Fährleute stemmen die Ruder in den Strom, damit ich die Uferszene vom Schiffsbord aus aufnehmen kann. Doch wo sind die fast weihevollen Vorstellungen geblieben, die man sich gewöhnlich vom indischen Scheiterhaufen nach phantasievollen Malereien zurechtmacht, die ihn so oft als das

Anmerkungen (Wikisource)

  1. WS: Manikurnika-Ghat: vergleiche Manikarnika Ghat (en)
  2. WS: Ghats in Varanasi: vergleiche Ghats in Varanasi (en), es gibt 88 solcher Anlagen
Empfohlene Zitierweise:
Kurt Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1903, Seite 179. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Durch_Indien_ins_verschlossene_Land_Nepal.pdf/237&oldid=- (Version vom 1.7.2018)