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hehre, gemeinsame Flammengrab des Hindu und seiner ihm freiwillig folgenden Witwe verherrlicht haben?

Zahlreiche Steinplatten und Obelisken erinnern an jene Satis[WS 1], die bis zum Jahre 1830 hier zusammen mit den toten Gatten lebend verbrannt wurden, wobei es dahingestellt bleiben mag, ob deren „Freiwilligkeit“ durch Niederdrücken mittelst Stricken und Hebebäumen befördert wurde, während gellende Muschelhörner und rasender Trommellärm etwaige Hilferufe der Unglücklichen übertönten.

Da stehen am lehmigen Gangesufer ganze Reihen etwa zwei Fuß hoher Stöße aus Scheiten von Mango oder für Wohlhabende aus wohlriechendem Sandelholz, in denen bereits die Leichname verpackt sind, wobei man die Zipfel des Turbantuches über den Rand des Scheiterhaufens herüberhängen ließ; einige Dhums, Parias niedrigster Sorte, sind beschäftigt, trockenes Stroh zwischen die Holzscheite zu stopfen und mit geschmolzener Butter zu begießen, damit der Holzstoß Feuer fängt, sobald ihn der nächste männliche Anverwandte des Verstorbenen abgewandten Gesichts mit einer Fackel aus Sandelholz berührt hat.

Ungewöhnlich, für unser Gefühl sogar verletzend, ist alles, was mit dem sterbenden Hindu geschieht. Stirbt er innerhalb seines Hauses, so wird er, in ein weißes oder gelbes rotgesprenkeltes Laken gewickelt, auf einer rohen Bahre aus dem Hause getragen, aber gewöhnlich nicht durch die Tür, sondern durch ein in die Wand geschlagenes und dann schnell zugemauertes Loch, damit die abgeschiedene Seele keinen Rückweg zu den Hinterbliebenen finden und sie nicht beunruhigen kann. In eiligem Trabe schleppen die Träger, beständig Sat hei! Sat hei! keuchend, die Leiche an das Gangesufer, wo sie einige Zeit, auf der Bahre festgebunden, so niedergelegt wird, wie es das Bild zeigt, damit der Verstorbene zum letzten Male von den Wellen des Stromes bespült und von der Sonne beschienen werden kann. Daß gerade dadurch die heiligen Wellen die Seuchen verbreiten, ahnt der Hindu in seiner Einfalt nicht. Verschied der Kranke aber in unmittelbarer Nähe dieses gebenedeiten Ufers, so wird eine Handvoll Gangesschlamm auf die erbleichenden Lippen gedrückt. Schließlich wird der Tote auf der Bahre zwischen die Holzknüttel oder, falls der Verstorbene zur Brahmanenkaste gehörte, zwischen die gedörrten Kuhdüngerscheiben des Scheiterhaufens verpackt und in der vorhin geschilderten Weise entzündet.

Der Holzstoß links steht bereits in vollen Flammen; wo aber weilt der Leidtragende, der sie entfachte? Dort kauert er gelassen — links oberhalb des Scheiterhaufens — neben dem Gedenkstein einer Sati, während ihm nach Hindusitte ein Barbier das Haar spiegelblank vom Kopfe rasiert. Hat er auf diese Weise seinem Verlust Ausdruck gegeben, so schmaucht er mit den anderen Verwandten in aller Gemütsruhe eine gemeinschaftliche Hukawasserpfeife[WS 2], in die zur Feier des Tages etwas Opium zwischen den Tabak gemischt ist und

wartet gleichmütig, bis der Holzstoß heruntergebrannt ist; dann sammeln die

Anmerkungen (Wikisource)

  1. WS: Sati, freiwillig folgende Witwe: vergleiche Witwenverbrennung (Sati)
  2. WS: Huka: vergleiche Shisha (im englischen Raum allgemein als Hookah bekannt)
Empfohlene Zitierweise:
Kurt Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1903, Seite 180. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Durch_Indien_ins_verschlossene_Land_Nepal.pdf/238&oldid=3178550 (Version vom 1.7.2018)