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Abbild ihre Seele entrissen würde, die Aufnahme verweigert. Wenn ich schlummern oder irgendwo recht ungestört sein wollte, lugten diese Prachtkerle neugierig durch alle Vorhänge; sollten sie aber einen Koffer wegrücken oder gar die Stube kehren, so rannten sie voll hohen Standesgefühls davon, um stundenlang nach dienstbaren Geistern aus dazu geeigneterer Kaste zu suchen.

Als ich nun meine Trockenbatterie[WS 1] in die Packkiste senken wollte, zuckte der teuflische Gedanke durch mein Hirn: „Du nimmst auf deiner letzten Platte die Kerle heimlich mittelst Blitzlichts auf!“

Harmlos ersuchte ich sie, das Nachtmahl zu rüsten und aufzutragen, und traf inzwischen meine Anordnungen.

Ich kannte die regelmäßigen Standpunkte der beiden bei Tische, und die Lampe auf demselben ermöglichte deren scharfes Einstellen mittelst der auf und zwischen Koffern verborgenen Kamera. Die Kassette wurde eingesetzt und der Schieber aufgezogen. Rechts von dem Apparat brachte ich gerade doppelt soviel Magnesiumpulver mit Kaliumpermanganat und etwas Schießpulver[WS 2] gemischt in die Lampe wie links, und die Leitungsdrähte des Trockenelements wurden zwischen den Gepäckstücken hinter den Tisch geleitet, so daß ich sie mit leichtem Griff in Verbindung mit Messer und Gabeln bringen konnte.

Wegen des umfänglichen Bildes hatte ich den Steinheil-Gruppen-Antiplaneten Nr. IV für Platten 13:18 auf f/25 abgeblendet[WS 3], war jedoch in Sorge, ob die Platte dabei auch ausexponiert würde; doch zur Überlegung blieb nicht viel Zeit.

Meine Opferlämmer erschienen mit dem Curry-Reis auf der Bildfläche und kaum hatten sie ihre gewohnten Plätze inne, berührte ich die Messerspitze mit der Gabel, es blitzte und qualmte und da — ja, da geschah etwas furchtbar Lächerliches!

Die Aufnahme war mir, wie selbst der Neid nicht leugnen wird, gelungen; ich sprang auf und schob die Kassette zu. Aber was war inzwischen aus den beiden Hindus geworden?

Der ahnungslos links auf dem Bild stehende alte Schaukidar[WS 4], was etwa „Haushofmeister“ heißt, war angesichts der beiden aufblitzenden Flammen mit krächzendem Aufschrei vornüber gestürzt und keinerlei Bakschischversprechen vermochte ihn zu schnellem Aufstehen zu bewegen, was bei einem Orientalen bekanntlich viel sagen will; er blieb winselnd liegen, die Stirn auf die Erde gedrückt. Der Jüngere aber, der Mundschenk, eilte mit anerkennenswerter Schneidigkeit an die Stellen, von denen das blendende Licht ausgegangen schien und goß, mir nichts dir nichts, ein volle Flasche Ingwerbier[WS 5] auf die unschuldige Lampe aus, die das Pulver verschossen hatte, oder vielmehr über den mit Dampf gefüllten Kasten, in dem die Lampe stand; diese Heldentat war seiner durchaus würdig, denn er war stets kühn und entschlossen, mochte daraus werden was wollte. Half er mir beim Einlegen in der Dunkelkammer; so konnte ich sicher sein, daß er mir die Trockenplatten[WS 6] mit feuchten; eben erst

heimlich an einem nassen Tuche abgewischten Händen zureichte, weil

Anmerkungen (Wikisource)

  1. WS: Trockenelement: vergleiche Trockenbatterie
  2. WS: Magnesiumpulver, Kaliumpermanganat, Schießpulver: vergleiche Blitzlichtpulver
  3. WS: Steinheil-Gruppen-Antiplaneten: vergleiche C. A. Steinheil & Söhne, diese stellten nach dem Aplanat ab 1883 auch den Antiplanaten her. Auch: Blendenzahl.
  4. WS: Schaukidar: vergleiche chowkidar
  5. WS: Ingwerbier: vergleiche Ginger Beer
  6. WS: Trockenplatten: vergleiche Trockenes Gelatineverfahren
Empfohlene Zitierweise:
Kurt Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1903, Seite 186. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Durch_Indien_ins_verschlossene_Land_Nepal.pdf/246&oldid=- (Version vom 1.7.2018)