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Ein Ausflug zum höchsten Berge der Erde. 309

Weise ausgerüstet sind. Dagegen hege ich gar keinen Zweifel, daß beim rich- tigen Ineinandergreifen tüchtiger, wohl ausgerüsteter Alpinisten sämtliche Hoch- gipfel des Himalaja erstiegen werden können, denn nach meinen eigenen Er- fahrungen vermag ich an einen mechanischen Ursprung der Bergkrankheit, die ja von vielen als das Haupthindernis gefürchtet wird, nicht zu glauben. Nachdem Dr. Berson und Dr. Sühring im Lastschiff mehr als zehn Kilometer hoch in die unsere Erde umhüllende, aber mindestens 150 Kilometer dicke Atmosphärve empor- gestiegen sind," ist es nicht ganz unwahrscheinlich, daß sogar der- 8840 Meter hohe Gaurisankar-Everest eines Tages von Menschenfuß betreten werden wird. Eine solche Großtat vermöchten freilich nur ,,Männer von Eisen« zu voll- bringen, die es aushielten, sich diesem Vergkoloß über Samarkand und Chotan, also durch Russischss und Chinesisch-Turkestan und durch Süd-Tibet hindurch zu nähern; von Englisch-Jndien aus ist eine solche Annäherung undenkbar, wenigstens so lange Nepal für Europäer ein so verschlossenes Land bleibt wie bisher und so lange Tibet Europäern von allen anderen Seiten außer von der britisch-indischen Zutritt erlaubt. Wie die großartig geplante-, von hervorragenden englischen Alpinisten unternommene Expedition zur Bezwingung der höchsten Himalaja-Riesen gleich im Anfang am Mount Godwin Austen bei 6000 Meter Höhe aufgegeben werden mußte, ist in No. 226 der Wiener ,,Ostdeutschen Rund- schau-( vom Jahre 1902 mit wohl etwas allzu bitterem Sarkasmus geschildert worden, aber jedenfalls bildet dieser Mißerfolg die denkbar kräftigste Be- stätigung, daß ich die Schwierigkeiten einer solchen Himalaja-Reise in meinen -,,Jndischen Gletscherfahrten« doch wohl nicht ganz so arg ,,übertrieben« habe, wie ein englischer Gentleman, dem dies Buch unbequem war, Nichtkennern einzuflüstern versucht haben soll; daß dieser Gentleman jemals selbst unter dem Donner der Steinlawinen die Girthi-Schlucht durchklettert oder gleich mir die November-Kälte auf den Schneefeldern des Himalaja in dem eigenen Marke verspürt hat, möchte ich danach fast bezweifeln.

Auch die mit der Höhe abnehmende Temperatur kann man ebensowenig wie den sich verringernden Sauerstoffgehalt der Luft für ein unüberwindliches Bergbesteigungs-Hindernis betrachten, da sie in beträchtlichen Höhen verhältnis- mäßig weniger sinkt; zudem gewöhnt sich der Organismus gesunder Vergsteiger bei langem Aufenthalt in hochgelegenen Gebieten an beide Zustände der Atmosphäre überraschend schnell, und aus den Schilderungen der Nordpolfahrer ist bereits zur Genüge bekannt, wie tiefe Kältegrade der Mensch zu ertragen vermag. Schließlich hat ja auch die Ausrüstungstechnik neuerdings in den ,,selbstkochenden« Konserven und den Thermophoren ausgezeichnete Hilfsmittel geschaffen, um stets warme Lebensmittel und Getränke bei der Hand zu haben. Daß Alkohol das s chlechtefte allerHeizmittel für den Menschen abgibt, brauche ich wohl nicht zu betonen.

Um meinen durchaus nicht verhehlten Unmutzu beschwichtigen, den ich über das höfliche aber energische Verbot empfand, den westlich vom Gauri- sankar aus Nepal nach-Tibet führenden Paß und-die ihn umgebenden, noch niemals von einem Europäer.sbetretenen, der Wissenschaft also noch vollständig

Empfohlene Zitierweise:

Kurt Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1903, Seite 308. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Durch_Indien_ins_verschlossene_Land_Nepal.pdf/319&oldid=3126094 (Version vom 21.5.2018)