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Diese Bewohner Nepals stellen nun eine wahre Musterkarte der verschiedensten mongolischen und indischen Stämme dar.

Kurt boeck indien nepal 258.jpg

Frau eines Feldwebels aus dem Stamme der Sikhs.

Die Bevölkerung der höher gelegenen Teile des Gebirgslandes, die Bhutias,[WS 1] sind von den Tibetern kaum zu unterscheiden, und auch die sechs Hauptstämme der eigentlichen Eingeborenen, die ebenfalls noch in hochliegenden Gebieten lebenden Gurungs, dann die Magars,[WS 2] Newaris, Murmis,[WS 3] Kirantis und Limbus,[WS 4] sind mongolischen Stammes, dessen Rasseeigenschaften auch die Parbattias,[WS 5] die Sprößlinge von Frauen der genannten Bergvölker und indischen Einwanderern, aufweisen. Unter diesen eigentlichen Eingeborenen von mongolischer Abstammung sind die wichtigsten die Newaris und Murmis, die aber im Jahre 1768 von den Gorkhas, einem kriegerischen, indischen Radschputenstamme von arischem Ursprung, der im Jahre 1303 von den Mohammedanern aus seiner Heimat verdrängt worden und bei diesem Ausweichen in das Bergland Nepal hineingelangt war, trotz tapferster Gegenwehr durch List überrumpelt und dauernd unterworfen wurden; diese Gorkhas sind die heutigen Herren des Landes Nepal, dessen ganze frühere Geschichte aus einer furchtbaren Reihenfolge von Blutvergießen, Greueltaten und Verrätereien besteht, die aber mit der Herrschaft der Gorkhas keineswegs aufhörten.

Aus der Vermischung dieser beiden Bevölkerungsgruppen, der mongolischen Newaris und der aus Indien gekommenen Gorkhas, entstanden viele der heutigen Nepaler- und Gorkhasoldaten, während sich nur die höheren Stände beider Völkerstämme ziemlich rein erhalten haben. Ganz entsprechend hat sich auch die buddhistische Religion der mongolisch gearteten Bergbewohner mit der brahminischen ihrer Eroberer zu dem sogenannten Tantrika-Buddhismus[WS 6] vermischt, der zwar die äußeren Förmlichkeiten beider, aber so gut wie nichts von ihrem ethischen Gehalte bewahrt hat und der schon seit alten Zeiten als Resultat der Verschiedenheit der Berg- und Talbewohner in Nepal vorhanden ist.

Ehe ich meine erste Wanderung durch Katmandu antrat, erschien ein nepalischer Offizier nebst einem Sipeu in meinem Bungalo mit der Mitteilung, daß sie den Auftrag hätten, mich meines Schutzes wegen auf Schritt und Tritt

zu begleiten; mit einem gleichen Auftrage hatte sich mir aber bereits ein Dschammadar,[WS 7]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. WS: Bhutia: vergleiche Bhotiya (en) oder Bhutia (en)
  2. WS: Gurung, Magar: vergleiche Gurung, Magar (Ethnie)
  3. WS: Murmi: vergleiche Tamang
  4. WS: Kirantis, Limbus: vergleiche Kirati people (en), Limbu people (en)
  5. WS: Parbattia: vergleiche Khas people (en). Parbattiya (Sprache der Hügelbewohner) entspricht modernem Nepalisch
  6. WS: Tantrika-Buddhismus: vergleiche sowohl Vajrayana und Tantra
  7. WS: Dschammadar: vergleiche Jemadar (en)
Empfohlene Zitierweise:
Kurt Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1903, Seite 258. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Durch_Indien_ins_verschlossene_Land_Nepal.pdf/322&oldid=3178472 (Version vom 1.7.2018)