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ob ich denn nicht schon unterwegs einige Damen photographiert hätte. Auf diese höchst verfängliche Frage versicherte ich daß ich zwar, hingerissen von der Schönheit der jungen Damen, gar zu gern einen solchen Versuch gemacht hätte, daß diese aber sofort ihre Sonnenschirme dicht vor die lieblichen Gesichter gehalten hätten und daß man, trotz aller X-Strahlen[WS 1], noch nicht imstande sei, durch derartige Schirme hindurch zu photographieren. Nach dieser diplomatischen Antwort willigte der Herr commander in chief halb ärgerlich, halb belustigt ein, daß ich alles aufnehmen könne, was mir an Menschen oder Bauwerken gefiele, vorausgesetzt, daß mein Begleiter jedesmal ausdrücklich seine Zustimmung dazu gäbe; diese Begleitung, zum mindesten durch einen Sipeu-Unteroffizier, sei aber wegen des unberechenbaren Volkes zu meinem Schutze ganz unerläßlich. Als das Eisen einmal so weit warm war, schmiedete ich es unverdrossen weiter, indem ich mit Dankbarkeit erwähnte, wie freundlich mich andere indische Maharadschahs durch Leihen von Elefanten bei meinen Reisen unterstützt hätten, so daß auch seine Exzellenz nicht umhin konnten, mir das Angebot eines Hofwagens zu machen, das ich natürlich mit tausend Freuden annahm, da die Straßen in Nepal wirklich entsetzlich staubig sind; bei einer späteren Audienz folgte diesem Entgegenkommen sogar noch die Zusage eines Reitpferdes für die nicht fahrbaren Wege.

Die Erwähnung der X-Strahlen lenkte unsere Unterhaltung auf allerlei moderne Fortschritte der europäischen Wissenschaft und Technik, so daß ich aus dem Vortragen gar nicht herauskam; zu meinem Erstaunen bemerkte ich, daß die Herrschaften nicht nur damit recht wohl bekannt waren, sondern sogar Modelle aller Art, wie z. B. einen Kinematographen[WS 2] mit allem Zubehör, durch Agenten erhalten und nebst vielen anderen modernen europäischen Erfindungen in einem Museum aufbewahrt hatten.

Als ich im Laufe der Unterredung gefragt wurde, bei welcher Behörde ich eine Anstellung bekleidete, erwiderte ich, daß ich in meinem Tun und Lassen vollkommen unabhängig von irgend einer Behörde oder anderen Personen wäre, was die auf ihre Unabhängigkeit überstolzen Herren Nepaler sehr sympathisch zu berühren schien, so daß mein Verkehr in diesem Kreise nach und nach ganz zwanglos wurde. Als die Unterhaltung auf politisches Gebiet kam, wurde ich freilich einigermaßen enttäuscht, denn von einer begeisterten Bewunderung Deutschlands konnte ich beim besten Willen nicht viel entdecken, sondern mußte im Gegenteil die Herren darauf aufmerksam machen, daß sie die deutschen Verhältnisse bisher wohl nur durch die parteiisch gefärbte Brille englischer Blätter kennen gelernt hätten, die nie ermangeln, unsere nationalen Schwächen, das Überwiegen von Sonderinteressen der sich befehdenden „Cliquen“ und unsere Lauheit in großen nationalen Fragen zu Vorboten des nahen Zerfalls unseres von Haß und Neid umringten Reiches aufzubauschen und die Deutschen als Muster schlaffen Sichgehenlassens hinzustellen.[WS 3] Wie sehr ich es für nötig fände, daß manche meiner Landsleute ein wenig mehr deutsche,

auf Einfachheit und Geradheit bedachte, von Geckerei ferne Gesinnung

Anmerkungen (Wikisource)

  1. WS: X-Strahlen: vergleiche Röntgenstrahlung
  2. WS: Kinematograph: vergleiche Kinematographie (ab 1892, der Kinematograph wurde 1895 erstmals in Europa vorgeführt)
  3. WS: der schlaffe Deutsche: das Stereotyp des Deutschen Michels wohl hier noch vor dem Umbruch zu dem Bild des fleißigen/militaristischen Deutschen
Empfohlene Zitierweise:
Kurt Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1903, Seite 260. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Durch_Indien_ins_verschlossene_Land_Nepal.pdf/324&oldid=3178470 (Version vom 1.7.2018)