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Ein Ausflug zum höchsten Berge der Erde. 315

beim Auftreten als gütiges Wesen auch die Gattin Civas, die Gauri, in das buddhistische Pantheon eingeführt. So deckt sich der tibetische Name von Waddell im ersten Teil mit der indischen Bezeichnung Gauri-sankar, und dieses ist überaus wertvoll, mag nun Jomo-Kangkar dem höchsten oder einem weniger hohen Gipfel der Mount Gverest-Gebirgsgrnppe zukommen. .

Rätselhaft bleibt noch Schreibart nnd Bedeutung des Namens der ganzen Everest-Gaurisankarbergkette, der als Labai, Labchi, Labchyi mit dem Zusatz kang, d. i. gangs, Eis, gegeben wurde. Die-Auflösungen und Übersetzungen Von Waddell sind unannehmbar. Jch wandte mich deshalb an S. C. Das in Dardschiling"; derselbe konnte aber noch keinen ortskundigen, gelehrten Mönch (Lama) finden, der die Niederschrift zu geben imstande war, und welche Un- sicherheiten mangels jeglicher Unterlage dem Versuch der eigenen Auflösung sich entgegenstellen, mag zeigen, daß allein der Silbe chi in der Literatursprache 16 Gruppen entsprechen, von denen jedes Wort seine eigene Bedeutung hat-

2. Tserinh chenya, Dsering ghina, genauer Thse ring mched luga.

Der Name ist Tse ring mched ma zu schreiben, er bedeutet »die langes Leben spendenden fünf Schwestern« und hängt zusammen mit der Lebens- geschichte des buddhistischen Heiligen Mila.

Jm Alter wurde Mila im Hochland von Dingri am Nordabhang unseres Gebirgsabschnittes, im ,,Lab ei« Gebirge, seßhaft und starb bei Chubar auf der nepalesischen Seite des Gebirges in einer Höhle. Seine Vannungen der. bösen Geister trugen ihm das Ansehen eines Heiligen ein; als Schutzgott (Yi-dam) erfreute er sich der Hilfe des Gottes Kuvera (tibetisch: r Ham thos sras) und seiner 12 Dienerinnen, Göttinnen der Erde, die in drei Gruppen zu je vier sich gliedern, mit Ekajata -(tibetisch: Naleigma) als Führerin, die wieder als eine Abart von Tara (Gauri) gilt. Jnsbesondere hatte Mila die dritte Gruppe dieser Helferinnen an seiner Seite, und diese befleißigten sich, ihren Herrn bei langem Leben zu erhalten. So ist den vier Lebensspenderinnen im Dienste von Mila nnd ihrer Führerin nach dem Tode ihres Meisters die Ehre zuteil ·geworden,«-Wohnungen in der Nähe der Höhle, in welcher ihr Herr seine Lebenstage beschlossen hatte, in den diese umgebenden, weithin sichtbaren Gipfeln angewiesen zu erhalten-. Der Name Tierin chenya wurde in der Literatur Bezeichnung der Gebirgskette Labei und dann Name des höchsten Gipfels in diesem Gebirgsmassiv.

Es war meinerseits als Vertreter der Arbeiten meiner Brüder der Gebrauch von Everest nicht verworfen, sondern nur vorgeschlagen worden, ihn mit einem Eingebornennamen und zwar Gaurisankar zu verbinden. An diesem Namen halte ich auch jetzt fest, weil dessen Gebrauch wiederholt erwiesen ist und ein fester Beweis, daß Joqu kang kar als Bezeichnung der obersten Spitze gebraucht«wird, nicht erbracht wurde, dies vielmehr nicht einmal wahr- scheinlich ist. Den Anschauungen der Jndier, wie der Tibeter über die höchsten Berggipfel als Wohnsitze der obersten Götter entsprechen der indische wie die tibetischen Namen. Es empfiehlt sich aber immer, an Stelle tibetischer Namen,

Empfohlene Zitierweise:

Kurt Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1903, Seite 314. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Durch_Indien_ins_verschlossene_Land_Nepal.pdf/325&oldid=3126100 (Version vom 21.5.2018)