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Niemals ermüdet ein solches Nebeneinander von Seestrand und Palmen das Auge, das sich sonst gar leicht an Waldungen aus Kokospalmen sattsieht, deren langweilig schlanke, immer glatte Stämme gewöhnlich Stück für Stück mit Teerringen gegen das Emporkriechen schädlicher Insekten geschützt sind. Noch abscheulicher sieht ein solcher einförmiger Wald von Palmstämmen aber aus, wenn diese mit dürren stachlichten Blättern umwickelt sind, die das Erklettern der Bäume und das Stehlen der Kokosnüsse verhindern oder durch das Rascheln der Blattmäntel verraten sollen.

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Der Verfasser, seinen Durst mit Kokosmilch stillend.

Wie wunderbar kühlend schmeckt der Kernsaft solcher Nuß! In früher Morgenstunde, wenn die Kühle der Nacht noch nicht aus der Frucht gewichen ist, und angesichts der aus dem Meer aufsteigenden Sonne, gehört ein solcher Trunk zu den köstlichsten Erquickungen der Erde! Dieser Kokosmilch schreiben die Sinhalesenärzte starke Heilkraft bei Nierenleiden zu, und es lohnte sich für wohlhabende Patienten dieser Art wohl einmal der Versuch einer interessanten Badereise nach Ceylon. Aber auch die scheinbar wertlose Faserhülle, in die der Kokosnußkern eingebettet ist, wird in ausgiebiger Weise benutzt. Vor vielen armseligen offenen Hüttchen sieht man ganze Haufen von derartigem mürben Bast, der aus zerschlagenen Kokosnußschalen herausgekämmt und hierauf mit einem Knüppel wie mit einem Flachsbrecher geschmeidig geklopft wird; andere Sinhalesinnen drehen dann die weichgedroschenen Bastfasern zwischen den Handflächen zu Koir, d. h. zu dünnen Schnüren zusammen, die später auf Seilerrädern zu Stricken oder Tauen und schließlich auf Webstühlen zu Hängematten, Netzen, Decken und Läufern, ja selbst zu Segeln verflochten werden. Derartige Fabrikate der Hausindustrie bilden einen nicht unwesentlichen Teil der aus den Kokospalmen gewonnenen Ausfuhrartikel.

Damit ist jedoch die Verwertung der Kokosnuß noch keineswegs erschöpft; viel wertvoller als ihr Saft und Bast und ihre steinharten Kernschalen, die gern als Wassergefäß für Wasserpfeifen verwendet oder zu zierlichen, oft mit Gold- und Silberfiligran eingelegten Behältern ausgeschnitzt werden, ist das weiße nahrhafte Nußfleisch, das den Kern auf der Innenseite überkleidet. Zur Gewinnung dieses Materials wurde der Anbau der Kokospalmen von den Holländern zwangsweise eingeführt und kontrolliert, so daß nunmehr für jede

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Kurt Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1903, Seite 13. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Durch_Indien_ins_verschlossene_Land_Nepal.pdf/35&oldid=3178717 (Version vom 1.7.2018)