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Der mit vier kleinen Sonnenschirmen geschmückte Thi nähert sich auf der schiefen Ebene der Pagodenspitze.

Es wurde mir nicht leicht, meinen dreibeinigen Apparat festzustellen und damit brauchbare Photographien aufzunehmen, denn das ganze leichte Gerüst schwankte und bog sich nicht nur vor dem Schnaufen des Windes, sondern erbebte auch unter dem ruckweisen Emporwinden des wuchtigen Thi, ja selbst unter dem wütenden Gehämmere der Pauker, die um so lebhafter auf ihre Instrumente losdroschen, je näher das riesige Ringgestell seinem künftigen Standplatze rückte.

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Der unterste Ring des Thi wird auf der Pagodenspitze befestigt.

An den sechs ersten der sieben Festtage war der Thi nur um ein winziges Teilchen der ganzen Strecke emporgezogen worden, und da ich das Glück hatte, gerade am letzten Tage zugegen zu sein, wurde ich, als der mit vier kleinen rosaseidenen Sonnenschirmen und allerlei flimmerndem Metallschmuck ausgeputzte Karren mit dem Thi endlich die Plattform erreicht hatte, Zeuge von der überwältigenden Ausdrucksfähigkeit, die aus den Kupferpauken und Hörnern birmanischer Musiker hervorbricht, wenn es sich, wie hier, darum handelt, einen musikalischen Jubel ohnegleichen von der· Höhe der Pagode in das weite Land hinauszuschmettern. Richard Wagner hätte bei diesem elementaren Ausbruch äußerster Tonfülle vor Vergnügen sicherlich Kopf gestanden, was er bekanntlich in intimen Kreisen zu tun liebte, wenn er von besonders guter Laune erfaßt wurde.

Die birmanischen Zimmerleute sprangen in dem Gerüst wie behende Akrobaten herum und pfropften die Metallteile des Thi auf dem ungeheuren Balken fest, der mitten durch den Turm und Kern des Tempels bis tief in dessen Fundament hinunterreicht; die reiche Tätowierung ihrer Oberschenkel machte dabei tatsächlich den Eindruck kurzer, prallanliegender blauer Tuchhöschen, und mit wahrem Schmerzgefühl vermißte ich unter meinen photographischen Platten farbenempfindlich gemachte, ohne deren Hilfe die oft unglaublich bizarren dunkelblauen Muster der Tätowierung sich nicht deutlich von der braunen Hautfarbe abheben. Daß die beim Einimpfen der dunklen Tusche erlittenen Schmerzen den birmanischen Jüngling in den Augen seiner Mitbürger erst zum Manne stempeln sollen, ist vielleicht bekannter als die Mogelei, die manche dieser Helden dadurch begehen, daß sie sich während der Tätowierung durch einen Opiumrausch unempfindlich gegen die Nadelstiche machen.

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Kurt Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1903, Seite 49. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Durch_Indien_ins_verschlossene_Land_Nepal.pdf/77&oldid=3178681 (Version vom 1.7.2018)