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Paria mit Hilfe von im Kehricht gefundenen Faßreifen aus verdorrten Bananenblättern und alten Blechstücken zusammenflickt, lehnt sich an die himbeerfarbenen Mauerwälle eines riesigen Kaufhauses oder Radschahpalastes[WS 1] in der Black City[WS 2] von Kalkutta, an Mauern, die derselbe Paria mit übelduftenden, aus dem Strassenstaub aufgelesenen Fladen von Kuhdünger beklebt, damit ihm die Sonne Brennstoff daraus trockne; aber ganz, ganz dicht dabei, schon auf der anderen Mauerseite, springen im Garten eines Nabobs[WS 3] oder Radschas parfümierte Brunnen zwischen Palmen und Marmorstatuen der Venus oder des Laokoon in die heißen indischen Lüfte! Unter den betäubend duftenden Jasminbüschen am Sockel jener Bildsäulen wühlt eine Brillenschlange ihr Nest; sie ringelt sich durch ein Loch in der von Termiten zerbröckelten Mauer, sie kriecht in das armselige Obdach des Paria und naht sich einem zerfetzten Bambuskorbe, in dem die Kinder des Ärmsten schlummern. Er aber, der soeben noch seine letzten Kupferheller für irgend einen Hokuspokus aus der Hexenküche eines indischen Heilkünstlers vergeudet hat, um die Pestbeulen seiner dort hinten verscheidenden Frau zu beschwören, er wagt nicht, diese noch viel verderblichere Viper zu töten – ehrerbietig trägt er sie, weil in ihrem furchterweckenden Körper ja vielleicht die Seele eines längst verschiedenen Königs fortlebt, auf zwei Stecken vor seine Tür, unbekümmert um die Wiederkehr des schrecklichen Reptils.

So berührt sich in Indien allerorten Mangel und Fülle, Schatten und Licht!

Auch das Reisen in Indien bietet derartige Gegensätze; es ist entweder ganz außerordentlich bequem, weit bequemer, als unserer Genügsamkeit bekannt ist, oder voll der allerwiderwärtigsten Mühseligkeiten, die natürlich der nicht ahnt, der nur in günstigster Jahreszeit, also in unseren Wintermonaten, mit einer jener fröhlichen Gesellschaftsreisen die auf dem Programm stehenden Sehenswürdigkeiten in Augenschein nimmt. Diese Art von „Globe-Trotters“ fährt stets die ewig gleiche Bahnlinie: Bombay–Ahmedabad–Dscheipur[WS 4]–Delhi–Agra–Kalkutta, wozu dann noch ein ganze drei Tage währender Eisenbahnausflug nach dem lustigen Luftkurort Dardschiling in den äußersten Vorhügeln des Himalaja kommt, den dann mancher von diesen Reisenden seine „Reise in den Himalaja“ nennt.

Die genannte Linie ist eine der Hauptbahnstrecken, in deren Stationen der Reisende jederzeit alles finden kann, womit ihn Europa verwöhnt hat. Die Restaurationen der Wartesäle sind – oder waren wenigstens zu meinen Reisezeiten – an die deutsche Firma Kellner & Comp.[WS 5] verpachtet, und diese kann sicherlich nichts dafür, wenn ihre eingeborenen Kellner so manchen Geniestreich begehen und gelegentlich Petroleum in die Ölfläschchen füllen oder mit den Mostrichtöpfchen[WS 6] nicht umzugehen verstehen.

Ein Europäer darf in Indien, solange er als Gentleman auftreten will, nur die erste Wagenklasse benutzen. Den Angestellten großer Handelshäuser

erwachsen aus dieser Anstandspflicht für den Weißen in Indien nicht geringe

Anmerkungen (Wikisource)

  1. WS: Radschah: vergleiche Raja
  2. WS: Black City: seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Wohnviertel der einheimischen Bevölkerung Kalkuttas, im Gegensatz zur White City
  3. WS: Nabob: vergleiche Nawab
  4. WS: Dscheipur: vergleiche Jaipur
  5. WS: Kellner: Georg Ferdinand Kellner
  6. WS: Mostrich: vergleiche Senf
Empfohlene Zitierweise:
Kurt Boeck: Durch Indien ins verschlossene Land Nepal. Ferdinand Hirt & Sohn, Leipzig 1903, Seite 57. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Durch_Indien_ins_verschlossene_Land_Nepal.pdf/87&oldid=- (Version vom 1.7.2018)