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Kreuzesbotschaft

die Glieder mit dem Haupt und uns öffnet für das Zuströmen Seines Lebens. So ist der Glaube an den Gekreuzigten – der lebendige Glaube, der mit liebender Hingabe gepaart ist – für uns der Zugang zum Leben und der Anfang der künftigen Herrlichkeit; darum das Kreuz unser einziger Ruhmestitel: „Ferne sei es von mir, mich zu rühmen; außer im Kreuz unseres Herrn Jesu Christus, durch den mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt“[1]. Wer sich für Christus entschieden hat, der ist für die Welt tot, und sie für ihn. Er trägt die Wundmale des Herrn an seinem Leibe[2], ist schwach und verachtet vor den Menschen, aber gerade darum stark, weil in den Schwachen Gottes Kraft mächtig ist[3]. In dieser Erkenntnis nimmt der Jünger Jesu nicht nur das Kreuz an, das auf ihn gelegt ist, sondern kreuzigt sich selbst: „Die Christus angehören, haben ihr Fleisch gekreuzigt mit seinen Lastern und Begierden“[4]. Sie haben einen unerbittlichen Kampf geführt gegen ihre Natur, damit das Leben der Sünde in ihnen ersterbe und Raum werde für das Leben des Geistes. Auf das Letzte kommt es an. Das Kreuz ist nicht Selbstzweck. Es ragt empor und weist nach oben. Doch es ist nicht nur Zeichen – es ist die starke Waffe Christi; der Hirtenstab, mit dem der göttliche David gegen den höllischen Goliath auszieht; womit Er machtvoll an das Himmelstor pocht und es aufstößt. Dann fluten die Ströme des göttlichen Lichtes heraus und umfangen alle, die im Gefolge des Gekreuzigten sind.


§ 3. DAS MESSOPFER

Mit Christus am Kreuz sterben, um mit Ihm aufzuerstehen – das wird für jeden Gläubigen und besonders für jeden Priester Wirklichkeit im hl. Meßopfer. Es ist nach der Glaubenslehre die Erneuerung des Kreuzopfers. Wer es in lebendigem Glauben darbringt oder daran teilnimmt, für den und in dem geschieht dasselbe, was auf Golgotha geschah. Johannes hat schon als Kind bei der hl. Messe gedient, ohne Zweifel auch im Orden bis zu seiner Priesterweihe. Wir wissen aus den Berichten über sein Leben, daß der bloße Anblick eines Kreuzbildes ihn in Ekstase versetzen konnte. Wie muß dann das wirklich vollzogene Opfer ihn gepackt haben – schon als dienend Teilnehmenden, erst recht später, wenn er selbst es darbrachte! Wir sind über sein erstes hl. Opfer unterrichtet.


  1. Gal. 6, 14.
  2. Gal. 6, 17.
  3. 2 Cor. 12, 9.
  4. Gal. 5, 24.
Empfohlene Zitierweise:
Edith Stein: Kreuzeswissenschaft. Editions Nauwelaerts, Louvain 1954, Seite 16. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Edith_Stein_-_Kreuzeswissenschaft.pdf/016&oldid=- (Version vom 31.7.2018)