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Seite:Eduard Sievers - Grundzüge der Phonetik - 1901.djvu/266

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Eduard Sievers: Grundzüge der Phonetik zur Einführung in das Studium der Lautlehre der indogermanischen Sprachen

246 659. 660. Der tonische Wort- und Satzaccent.


dafür sind bereits im Vorhergehenden gegeben. Man vergleiche etwa aussagendes morgen, behalten mit den Tonfolgen ·. und ·⸳. mit fragendem morgen?, behalten? mit den umgekehrten Tonfolgen .· bez. .⸳·, oder singularisches sie/geht mit steigendem Tonschritt neben pluralischem sie\gehn mit fallendem Tonschritt, und so weiter in buntesten Wechsel, nicht nur von Satzart zu Satzart, von Stimmung zu Stimmung u. ä., sondern auch von isolirtem Wort zu isolirtem Wort, wenn man da die Gewohnheiten der einzelnen Sprachen und Mundarten mit ein- ander in Vergleich stellt. Dasselbe Resultat bezüglich der Un- abhängigkeit der Tonhöhe von der Stärke eines Lauts, einer Silbe u. s. w. folgt übrigens auch schon aus der Thatsache, dass innerhalb der dynamisch einheitlich gebauten Einzelsilbe doch ganz verschiedene Arten der Tonbewegung möglich sind (vgl. 599 ff.).

659. Dagegen besteht in einem andern Sinne allerdings ein innerer Zusammenhang zwischen dynamischem und tonischem Satzaccent, insofern die Grösse (aber nicht die Richtung) der Tonschritte wenigstens innerhalb gewisser Grenzen der Grösse der Druckunterschiede proportional zu sein pflegt. Je stärker man in der Rede Silben oder überhaupt Satztheile irgendwelcher Art dynamisch gegen einander differenzirt, um so grösser werden auch die beim Sprechen durchlaufenen Intervalle, und umgekehrt. Noch stärker als die rein dynamischen Unterschiede wirken aber hier die Affectunterschiede, da ja die Affectunterschiede sich überhaupt in erster Linie im Musikalischen der Sprache geltend machen.

660. Hierbei ist natürlich nicht zu übersehen, dass es sich bei allen diesen Erscheinungen nur um relative Unterschiede innerhalb einer einheitlichen Sprache etc. handelt, die mit den absoluten Massen der Tonschritte, die in verschiedenen Sprachen bei gleicher Sprechweise üblich sind, nichts zu thun haben. Es ist an sich sehr wohl möglich, dass eine Sprache oder Mundart gewohnheitsmässig auch bei dynamisch nicht besonders differenzirter und affectfreier Sprechweise grössere Tonschritte anwendet als eine andere Sprache etc. selbst bei stärkerer dynamischer Differenzirung oder im Affectsprechen. Vergleichbar sind hier eben nur die verschiedenen Sprechweisen, denen ein und dasselbe sprachliche Material in der Rede unterworfen werden kann und gewohnheitsmässig unterworfen wird.

2. Der tonische Wortaccent.

661. Man pflegt im Allgemeinen wohl Sprachen und Mundarten mit stark und weniger deutlich ausgeprägtem tonischen

Empfohlene Zitierweise:
Eduard Sievers: Grundzüge der Phonetik zur Einführung in das Studium der Lautlehre der indogermanischen Sprachen. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1901, Seite 246. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Eduard_Sievers_-_Grundz%C3%BCge_der_Phonetik_-_1901.djvu/266&oldid=- (Version vom 4.2.2025)