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Ein Brief an die amerikanischen Arbeiter!

Genossen! Ein russischer Bolschewik, der die Revolution von 1905 mitgemacht hatte und dann viele Jahre in Eurem Lande lebte, hat mir angeboten, Euch einen Brief von mir zu übermitteln. Ich mache mit Freuden von diesem Angebot Gebrauch, fällt ja gerade jetzt den amerikanischen revolutionären Proletariern eine besonders wichtige Rolle zu, insofern sie die Todfeinde des amerikanischen Imperialismus sind, dieses Imperialismus, der am frischesten und mächtigsten ist und der als letzter in das Weltgemetzel der Völker wegen der Teilung der kapitalistischen Profite eingetreten ist. Gerade jetzt haben die amerikanischen Multimillionäre, diese modernen Sklavenhalter, eine besonders tragische Seite in der blutgetränkten Geschichte des blutrünstigen Imperialismus aufgeschlagen. Dies geschah, indem sie ihre Einwilligung – einerlei, ob diese Einwilligung direkt oder indirekt, offen oder heuchlerisch verbrämt war – zu dem bewaffneten Feldzug der anglo-japanischen Raubtiere zur Erdrosselung der ersten sozialistischen Republik gaben.

Die Geschichte des heutigen zivilisierten Amerikas wird durch einen jener wirklich revolutionären Befreiungskriege eröffnet, deren es so wenige gab neben der ungeheuren Anzahl von Raubkriegen, die, ähnlich wie der jetzige imperialistische Krieg, erzeugt worden durch die Raufereien unter den Königen, Grundbesitzern und Kapitalisten bei der Teilung der erbeuteten Länder oder der zusammengeschacherten Profite. Jener Befreiungskrieg war der Krieg des amerikanischen Volkes gegen die räuberischen Engländer, die Amerika aussogen und in kolonialer Sklaverei hielten, genau so wie diese „zivilisierten“ Blutsauger bis auf den heutigen Tag Hunderte von Millionen Menschen in Indien, in Aegypten und an allen Ecken und Enden der Welt aussaugen und in kolonialer Abhängigkeit halten.

Seit jenem Kriege sind 150 Jahre verflossen. Die bürgerliche Zivilisation hat alle ihre üppigsten Früchte gezeitigt. Nach der Entwicklung der Produktivkräfte der organisierten menschlichen Arbeit, nach der Anwendung der Maschinen und aller Wunder der Technik, nahm Amerika den ersten Platz unter den freien und zivilisierten Ländern ein. Aber zugleich zeichnete sich Amerika mit wenigen andern Ländern auch durch die Tiefe des Abgrundes aus, der eine Handvoll frivol-brutaler, in Unrat und Luxus erstickender Milliardäre von den Millionen Werktätiger, Darbender, stets dem Elend Preisgegebener trennte. So kam es, dass das amerikanische Volk, das der Welt das Vorbild eines revolutionären Krieges gegen Feudalherrschaft zeigte, gegenwärtig die Rolle des gedungenen Henkers übernommen hat, der 1898 dem reichen Gesindel zuliebe unter dem Vorwand der „Befreiung“ die Philippinen abwürgte, und jetzt, 1918, unter dem Vorwand des „Schutzes“ vor den Deutschen die Russische Sozialistische Republik erwürgt.

Aber die vier Jahre imperialistischen Gemetzels sind nicht spurlos verschwunden. Unbestreitbare und einleuchtende Tatsachen haben dem Volk klar gezeigt, dass die Schufte der beiden Räubergruppen – der englischen sowohl wie der deutschen – mit ihm Schindluderei treiben. Die vier Kriegsjahre haben an ihren Folgen das allgemeine Gesetz des Kapitalismus in seiner Anwendung auf die Kriege wegen Teilung der Beute offenbart; wer am reichsten und mächtigsten war, der profitierte am meisten und heimste am meisten ein; wer am schwächsten war, der wurde ausgeplündert, gemartert, gepresst und gedrückt bis zuletzt.

Die Räuber des englischen Imperialismus waren durch die Zahl ihrer „Kolonialsklaven“ stärker als die andern. Die englischen Kapitalisten verloren nicht eine Spanne ihres „eigenen“ (d. h. durch Jahrhunderte hindurch erbeuteten) Landes; sie steckten dagegen alle deutschen Kolonien in Afrika ein, besetzten Mesopotamien und Palästina, würgten Griechenland ab und machten sich daran, Russland auszurauben.