Seite:Ein Brief an die amerikanischen Arbeiter (1918).djvu/5

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Die Räuber des deutschen Imperialismus waren durch die grossartige Organisation und straffe Disziplin „ihrer“ Heere stärker, was aber ihre Kolonien betrifft, schwächer als die andern. Sie verloren nun ihre sämtlichen Kolonien, raubten aber dafür halb Europa aus und erdrosselten die grösste Anzahl kleiner Länder und schwacher Völker. Welch ein erhabener „Befreiungskrieg“ hüben und drüben! Wie gut verteidigten ihre „Vaterländer“ die Räuber beider Kräftegruppen, die anglo-französischen und deutschen Kapitalisten mit ihren Lakaien, den Sozialpatrioten, d. h. den Sozialisten, die sich zu „ihrer“ Bourgeoisie geschlagen haben!

Die amerikanischen Milliardäre waren fast reicher als alle andern und befanden sich auch in der günstigsten geographischen Lage. Sie hatten sich am meisten bereichert. Sie hatten alle, ja selbst die reichsten Länder in ihre Hörigkeit gebracht. Sie hatten Hunderte Milliarden Dollar zusammengerafft. Und an jedem Dollar haften Schmutzspuren: der schmutzigen Geheimverträge zwischen England und seinen „Verbündeten“, zwischen Deutschland und seinen Vasallen; der Verträge über die Verteilung der ergatterten Beute; der Verträge und Uebereinkommen zur gegenseitigen „Unterstützung“ bei der Unterdrückung der Arbeiterklasse und der Verfolgung der Sozialisten-Internationalisten. An jedem Dollar klebt ein Klumpen Schmutz von den „profitablen“ Militärlieferungen, an denen sich in jedem Lande die Reichen mästeten und die Armen zugrunde gingen. Jeder Dollar trägt Blutspuren – aus jenem Meer von Blut, das 10 Millionen Ermordeter und 20 Millionen Verstümmelter vergossen haben in dem hehren, edlen, geheiligten Befreiungskampf im Namen dessen, ob das englische oder das deutsche Raubwesen mehr Beute erwischen soll, ob den englischen oder den deutschen Henkern der Vorrang im Erwürgen der schwachen Nationen der Erde gebührt.

Wenn die deutschen Räuber in der tierischen Brutalität ihrer Militärrepressalien den Rekord geschlagen haben, so nehmen die Engländer sowohl durch die Menge der zusammengeraubten Kolonien wie durch die Raffiniertheit ihrer widerwärtigen Heuchelei den ersten Platz ein. Gerade jetzt erfrecht sich die anglo-französische und die amerikanische bürgerliche Presse in Millionen und aber Millionen von Exemplaren ihrer Blätter, Lügen und Verleumdungen über Russland zu verbreiten und den räuberischen Feldzug heuchlerisch dadurch zu bemänteln, dass man angeblich Russland vor den Deutschen „schützen“ möchte.

Man braucht nicht viel Worte zu verlieren, um die gemeine und widerliche Lüge zu widerlegen; es genügt, auf eine allgemein bekannte Tatsache hinzuweisen. Als im Oktober 1917 die Arbeiter Russlands ihre imperialistische Regierung gestürzt hatten, schlug die Sovietregierung, d. h. die Regierung der revolutionären Arbeiter und Bauern offen einen gerechten Frieden ohne Annexionen und Kontributionen vor, einen Frieden, der auf der völligen Gleichberechtigung beruhen sollte. Mit diesem Friedensangebot wandte sich die Sovietregierung an sämtliche kriegführenden Länder.

Aber gerade die anglo-französische und die amerikanische Bourgeoisie lehnte unser Angebot strikte ab; gerade sie weigerte sich, mit uns selbst über die Möglichkeiten eines allgemeinen Friedens zu reden! Gerade sie übte an den Interessen aller Völker Verrat, gerade sie zog das imperialistische Gemetzel in die Länge!

Gerade weil sie darauf spekulierte, Russland von neuem in den imperialistischen Kriegsstrudel hineinzuziehen, hielt sie sich von den Friedensverhandlungen fern und gab dadurch freie Bahn den ebenso räuberischen Kapitalisten Deutschlands, die dann Russland den annexionistischen Gewaltfrieden von Brest-Litowsk aufzwangen.

Man kann sich wohl kaum eine ekelerregendere Heuchelei vorstellen als die Heuchelei, mit der die anglo-französische und die amerikanische Bourgeoisie die „Schuld“ am Brester Frieden auf uns abzuwälzen bemüht ist. Gerade die Kapitalisten jener Länder, in deren Hand es gelegen hatte, die Brester Verhandlungen zu allgemeinen Friedensverhandlungen zu machen, – gerade sie treten jetzt als „Ankläger“ gegen uns auf! Die Aasgeier des anglo-französischen[WS 1] Imperialismus, die sich am Raub der Kolonien und dem Völkergemetzel gütlich getan haben, ziehen nun fast ein ganzes Jahr nach dem Brester Vertrag, den Krieg hin, und danach haben sie die Stirn, uns, Bolschewiki „anzuklagen“, uns, die wir einen gerechten Frieden allen Ländern vorgeschlagen; uns, die wir die verbrecherischen Verträge zwischen dem ehemaligen Zaren und den anglo-französischen Kapitalisten gebrochen, bekanntgemacht und der allgemeinen Schande preisgegeben haben.

Die Arbeiter der ganzen Welt, in welchem Lande sie auch leben mögen, begrüssen uns, sympathisieren mit uns, zollen uns Beifall dafür, dass wir den eisernen Ring der imperialistischen Bündnisse, der schmutzigen imperialistischen Verträge, der imperialistischen

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: anglo-französichen