Seite:Eine Heimkehr aus der weiten Welt-Gerstaecker-1860.djvu/2

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führen. Kisten und Koffer wurden Hals über Kopf hinunter gehoben, kaum blieb mir noch Zeit, den Seeleuten, mit denen ich so lange Monde als einziger Passagier verlebt, die Hand zu schütteln, und schon glitten wir über den stillen Strom, dem unserer harrenden Dampfer zu.

Am Bord fanden wir eine große Gesellschaft von Herren und Damen und hier zum ersten Mal dachte ich daran, daß ich ja in Bremerhafen, ehe ich die „Stadt“ selber betrat, meine etwas sehr mitgenommene Toilette hatte erneuen wollen. Mein Schuhwerk besonders befand sich in höchst traurigen Umständen, und meine besten Schuh waren querüber vollständig aufgeplatzt. Aber das ging jetzt nicht mehr an – wer kannte mich auch und wo behielt ich Zeit mich jetzt um solche Dinge zu bekümmern? – Den Strom hinauf glitten wir, der für mich der Erinnerungen so viele trug, und wie Dorf nach Dorf hinter uns blieb, wie die Sonne tiefer und tiefer sank, und hie und da schon einzelne Hügel aus dem flachen Land hervorschauten, grüßten mich die Nachtigallen, die lieben Waldsänger unserer Heimath mit ihrem zaubrisch süßen Sang.

Und weiter flog das Boot; hinter dem Rad stand ich, aus dem die Wellen schäumten, horchte den Nachtigallen am Ufer und schaute nach den alten gemüthlichen Dorfkirchthürmen hinüber, bis von weitem, aber schon mit einbrechender Dunkelheit, die Thürme der alten Handelsstadt Bremen herüber nickten.

Jetzt hielt das Boot; dicht unter den dunkeln Häusermassen lagen wir, in welche nur schmale schräge Einschnitte – kleine Gäßchen, die zum Ufer hinunterführen – einliefen; Karrenführer kamen an Bord, denen ich mein Gepäck übergab, und wenige Stunden später stand ich zum ersten Mal wieder nach 129 Tagen draußen, auf Land, auf deutschem Grund und Boden, auf Pflaster, und es war mir zu Muthe, als ob ich hätte über den Boden fliegen können.

Von da an war jeder Schritt, den ich weiter that, ein Genuß für mich und langsam, ganz langsam verfolgte ich im Anfang meinen Weg, den frohen Becher nun auch ordentlich auszukosten.

In vielen Häusern war schon Licht angezündet, und die Leute saßen drin bei ihrem Abendbrod, hie und da aber standen sie auch noch plaudernd, und sich des schönen Sommerabends freuend, in den Thüren – auch deutsch sprachen sie, gutes ehrliches deutsch, nicht mehr malayisch oder holländisch, oder englisch, französisch, spanisch oder was sonst noch, was ich seit den letzten Jahren gewohnt war vor fremden Thüren zu hören – die Männer rauchten lange Pfeifen, die Frauen strickten lange Strümpfe, und die Kinder hetzten sich über den Weg hinüber und herüber, und lachten und jubelten.

So wanderte ich mitten zwischen ihnen durch, noch ein Fremder und Heimathloser in der weiten Stadt, und doch vielleicht der glücklichste Mensch, den in diesem Augenblick ganz Bremen umschloß.

Jetzt hatte ich endlich das Handlungshaus erreicht, in dem ich Briefe

Empfohlene Zitierweise:
Friedrich Gerstäcker: Eine Heimkehr aus der weiten Welt. Ernst Keil, Leipzig 1860, Seite 119. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Eine_Heimkehr_aus_der_weiten_Welt-Gerstaecker-1860.djvu/2&oldid=- (Version vom 31.7.2018)