Seite:Extrapost 317 1887-11-28 Die Zeitmaschine.pdf/4

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gemacht wird. Aehnlich wird es beim Romanlesen zugehen; so oft umgeblättert wird, setzt sich das wunderbare x in Function und sendet Kraft in das große Sammelbecken. Etwas weniger einfach gestaltet sich allerdings die Sache, wenn es sich nicht um eine, wenn auch noch so geringe Thätigkeit mit einem bestimmten Objecte handelt, wenn ein Clavier, ein Canevas, ein Buch, wenn mathematisch ausgedrückt, ein b nicht vorhanden ist. Auf einem jour fixe z. B. erfolgt die Vernichtung der Zeit ohne Zuhilfenahme von Instrumenten, lediglich durch eifriges Bewegen des Mundes, durch Zuhören, durch Beneiden fremder Toiletten, durch Stolz auf die eigene, durch Bevorzugung oder auffällige Zurücksetzung anwesender Herren, welche ihrerseits wieder gleichfalls nur durch Lächeln, sowie durch Erzeugung von Complimenten, Scherzen ober beziehungsvollen Bemerkungen, durch Mittheilung von Theater-Ereignissen u. s. w. ihre Aufgabe zu erfüllen suchen. Hier also kann nützliche Kraft nicht als Nebenproduct der unnützen Thätigkeit abfallen, sondern muß eigens erzeugt werden. Daher wird eine Reihe von Nippsachen aufgestellt, in denen allen kleine x enthalten sind, und die daher zwischen den spielenden Fingern der Gäste eine gewisse Summe von Kraft empfangen, die sie weiter geben; dadurch ist bei aller Nützlichkeit der Schein der Nutzlosigkeit gewahrt und daher den Herrschaften das Vergnügen nicht verdorben. Solche Gäste aber, die nur dem gesellschaftlichen Zwange folgend, ihre Zeit dem jour fixe zur Verfügung stellen, die also nur mit Bedauern den Verlust derselben empfinden, finden im Salon eine eigens angebrachte Kurbel, durch deren fortwährende energische Bewegung sie Kraft in größerem Maße erzeugen. Diese letztere Art von Einrichtung der Zeitmaschine empfiehlt sich auch für Wartezimmer von Ministern, vielbeschäftigten Aerzten und namentlich von Armenvätern.

Aber alle diese Leistungen der Zeitmaschine sind nur harmloses Kinderspiel gegen den Wirkungskreis, der sich ihr in den Soiréen unserer „guten Gesellschaft" eröffnet. Noch bis vor wenigen Jahren waren unsere „Salons"

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XXX: Die Zeitmaschine (1887). Morgenpost, Wien 1887, Seite 1-3. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Extrapost_317_1887-11-28_Die_Zeitmaschine.pdf/4&oldid=- (Version vom 9.1.2022)