Seite:Ferdinand Wilhelm Weber - Kurzgefaßte Einleitung in die heiligen Schriften (11. Auflage).pdf/21

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einer schon bestehenden Sammlung heiliger Schriften noch angefügt, welche damals, in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts, bereits als ein unantastbares Heiligtum galt. Und wer sollte nun damals die Autorität gehabt haben, ein solches zu schaffen, wenn nicht Esra, der Mann, der überhaupt die religiösen Institutionen schuf, auf denen das neujüdische Gemeinwesen ruht?

 Ein zweiter Beweis, daß der Kanon um 300 v. Chr. längst als ein ehrwürdiges Heiligtum galt, das, keiner Erweiterung oder Veränderung fähig, lediglich als solches zu bewahren war, ist das Buch des Jesus ben Sira. So hoch dieses Buch von Anfang an und weiter gehalten wurde, so nahe es sich mit den Sprüchen Salomos und Koheleth berührte, es wurde nicht mehr in den Kanon recipiert. Also zur Zeit der Siraciden war der Kanon längst abgeschlossen, gehörte der Geschichte an. Nach der Meinung des einen Teils der Gelehrten ist das Buch des Jesus ben Sira um 300 v. Chr. entstanden. „Der Verfasser ist Zeitgenosse eines Hohepriesters Simon, den er c. 50 so lebendig schildert, wie nur ein Zeitgenosse es vermag. So besonnene Forscher, wie Winer, geben zu, daß hier nur von Simon dem Gerechten die Rede sein könne, der das Hohepriestertum von 310–291 bekleidete, da der Hohepriester Simon II., der von 219–199 im Amte stand, keinerlei Eindruck auf seine Zeitgenossen machte, der der Schilderung von c. 50 des Jesus Sirach entspräche. Wir wissen „eigentlich nichts“ von ihm, er hat kein Andenken bei seinem Volk zurückgelassen. Von anderen aber ist hiegegen eingewendet worden, daß Jesus Sirach c. 50 doch auch nach der Überlieferung könne geschildert haben und kein Zeitgenosse jenes Simon des Gerechten gewesen sein müsse. Es gebe Gründe dafür, daß er hundert Jahre später geschrieben habe. Sein Enkel, der das ursprünglich hebräische Buch in Ägypten ins Griechische übersetzte, sage nämlich im Prolog, er sei im 38. Jahre unter König Euergetes nach Ägypten gekommen. Dieses 38. Jahr sei das Regierungsjahr des Euergetes; es habe aber Euergetes I. nur von 247–222, also keine 38 Jahre lang regiert, während die Regierungszeit des Euergetes II. von 170–116 angesetzt werden kann. Der Enkel des Jesus ben Sira sei also erst 132 nach Ägypten gekommen, und der Großvater habe also etwa 200 v. Chr. geschrieben. Die Entscheidung ist schwierig. Gesetzt aber, das Buch stamme aus der Zeit um 200 v. Chr., so war also damals jedenfalls der Kanon längst abgeschlossen. (Die jüngst aufgefundenen hebräischen Originalhandschriften des Sirachbuches, welche bereits eine innerhebräische Geschichte des Werkes aufweisen, sprechen eher für ein noch höheres Alter dieses apokryphisch gebliebenen Buches.) Wo fänden wir nun aber in dem Zeitalter von 200–400 rückwärts die Autorität, die zur Herstellung einer im ganzen jüdischen Volke gültigen Sammlung normativer heiliger Schriften nötig war? Das 3. Jahrhundert besaß kein Synedrium, mit Simon dem Gerechten erlosch das zu Esras Zeit konstituierte Synedrium. Wir werden also auch aus inneren Gründen über das 4. Jahrhundert zurück, in die Esra-Nehemianische Restaurationsperiode verwiesen, und äußere geschichtliche Zeugnisse unterstützen diese Annahme.