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Liste.png Frances Külpe: Rote Tage : baltische Novellen aus der Revolutionszeit

Fliegen hergemacht, und klebte in lüsterner Versunkenheit daran. Verstohlen hob Stepan Nikolaitsch die Hand, um sie mit einem Schlage zu zerschmettern. Dann überkam ihn ein grenzenloses Gefühl des Ekels und mutlos ließ er die Hand wieder sinken. Was nutzte die Gewalt? Waren diese Fliegen vernichtet, so sammelten sich wieder neue, so lange der Sommer währte, oder ein Gegenstand vorhanden war, der ihr Interesse erweckte, war es nicht so mit allen Dingen? Er öffnete das Fenster, ergriff das Stückchen Zucker – summend stoben die Fliegen auseinander – und schleuderte es weit hinab auf die Gasse. Leise und zierlich kam eine gelbe Katze geschlichen, hob die weißen Pfötchen wie ein Dämchen über die nassen unregelmäßigen Pflastersteine, und beroch das Zuckerstück. Mit den grünlichen funkelnden Augen blickte sie um sich, schielte zu dem einsamen Manne am Fenster empor und stieß ein klägliches Miau aus. Dann sprang sie auf einen Prellstein, setzte sich graziös zurecht und begann ihre Pfötchen zu belecken. Schwerfällig, mit breit ausladendem Schritt kam ein lettischer Bauer gegangen, einen gestrickten Shawl um den Hals, die Mütze tief über das struppige Haar gezogen; er trieb mit einer Peitsche ein Schwein vor sich her. Widerwillig grunzend lief das Tier mit kleinen eiligen Schritten, bewegte das geringelte Schwänzchen und schob den schnüffelnden Rüssel am Boden entlang. Jetzt hatte es das Zuckerstück erwischt und verspeiste es mit schmatzendem Behagen. „Nu, nu –vorwärts!“ bellte der Bauer und ein Peitschenhieb fiel auf den feisten Rücken

Empfohlene Zitierweise:
Frances Külpe: Rote Tage : baltische Novellen aus der Revolutionszeit. S. Schottländers Schlesische Verlagsanstalt, Berlin 1910, Seite 124. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:FrancesKuelpeRoteTage.pdf/122&oldid=- (Version vom 1.8.2018)