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Liste.png Frances Külpe: Rote Tage : baltische Novellen aus der Revolutionszeit

mich auch in ihrer Art verzogen. Zum ritterlichen Beschützer taugte ich zwar nicht, doch habe ich ihnen stets ihre deutschen Aufsätze gemacht. So war ich doch zu etwas nütze.“

Ein bitteres Lächeln glitt über seine Lippen.

Erschrocken sah Claire zu ihm hin.

„An einem Kurorte – ich glaube, es war in Karlsbad –“ fuhr er fort, „war ich in einer Pension mit einem taubgewordenen Musiker zusammen. Etwas Herzzerreißenderes als das Lachen dieses armen Tauben habe ich nie erlebt. Er wollte doch auch einmal fröhlich sein, und hatte er denn nicht ein Recht darauf? Er war ja Mensch und seinen Anlagen nach ein reicherer Mensch als wir andern, denn trotz seines toten Gehörs vernahm er innerlich Musik, und so war er auch mit sich im reinen, solange er allein war. Unter Menschen aber schien er sich seines ganzen Jammers bewußt zu werden; da lachte er oft grundlos und zornig auf, oder wenn die andern fröhlich scherzten, saß er da mit zusammengezogenen Brauen und brütete finster vor sich hin, um dann plötzlich an unrechter Stelle zu wilder Heiterkeit überzugehen. Sie sehen mich verwundert an, mein Fräulein, und denken: Wozu erzählt er mir diese traurige Geschichte? Sie steht doch in keinem Zusammenhang mit diesem wohlsituierten Herrn. Und dennoch – das ist gewissermaßen meine Geschichte!“

„Ihre Geschichte?“ Die Augen des jungen Mädchens wurden weit und groß.

Empfohlene Zitierweise:
Frances Külpe: Rote Tage : baltische Novellen aus der Revolutionszeit. S. Schottländers Schlesische Verlagsanstalt, Berlin 1910, Seite 16. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:FrancesKuelpeRoteTage.pdf/16&oldid=- (Version vom 1.8.2018)