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Liste.png Frances Külpe: Rote Tage : baltische Novellen aus der Revolutionszeit

„Gewissermaßen,“ sagte ich. „Aber um Ihnen das zu erklären, müßte ich ziemlich weit ausholen. Mein Vater, ein gries­grämiger, strenger Mann, wünschte sich nach zwei Töchtern nichts sehnlicher als einen Sohn. In einem kräftigen, gesunden Träger seines Namens wünschte er ein altes Predigergeschlecht aufleben zu sehen, das in meinem Großvater erloschen war und seit drei Jahrhunderten mit Ehren bestanden hatte. Mein Vater selbst hatte es nur zum Apotheker gebracht. Mein Eintritt in die Welt war von einem bösen Omen begleitet, ich wurde mit einer gebrochenen Hüfte geboren. Die Hüfte wurde zwar geheilt, ich aber blieb ein schwächlicher, zarter Bub, und nach einem unglücklichen Sturz wurde ich ein Krüppel. Mein Bein war und blieb steif. Die strenge, düstere Atmosphäre meines Elternhauses reifte nur eine Sehnsucht in mir: den brennenden Wunsch nach Leben und Freude. Ich war einst im Theater gewesen, man hatte den ‚Don Carlos‘ gespielt. Ich wollte Schauspieler werden – Schauspieler mit einem lahmen Bein!“

„Ich hielt Sie für einen Schauspieler,“ sagte das Fräulein leise.

„Nun, um es kurz zu sagen: alles übrige dazu fehlte mir nicht: Stimme, Vortrag, Leben und das angeborene geheimnis­volle Etwas, was den Künstler macht. Ich lernte gut und leicht, ich hatte unzählige Rollen im Kopf und unterzog mich willig den schmerzhaftesten Kuren. ‚Laßt dem Jungen seinen Spleen,‘ sagte meine sanfte Mutter. Sie wußte nicht, wie grausam diese Sanftmut war. So wiegte ich mich immer tiefer in meinen

Empfohlene Zitierweise:
Frances Külpe: Rote Tage : baltische Novellen aus der Revolutionszeit. S. Schottländers Schlesische Verlagsanstalt, Berlin 1910, Seite 17. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:FrancesKuelpeRoteTage.pdf/17&oldid=- (Version vom 1.8.2018)