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Liste.png Frances Külpe: Rote Tage : baltische Novellen aus der Revolutionszeit

Sie schien nicht hinzuhören, denn plötzlich und unvermittelt fragte sie: „Haben Sie den Rezitator Türschmann gehört? Er war blind.“

„Gehört nicht, aber in Mitau auf der Straße gesehen. Wie kommen Sie auf den?“

„Man hat manchmal seltsame Ideenverbindungen[WS 1],“ sagte sie und stand auf. „Ob die Uhr bald fünf ist?“ fragte sie in gänzlich verändertem Tone.

Er zog die Uhr. „Zehn Minuten nach vier,“ sagte er und sah schmerzlich betroffen zu ihr hin.

Wie stand sie ihm plötzlich kühl und unnahbar gegenüber, sie, der er soeben sein zuckendes Innenleben offenbaren konnte! Was war mit ihr vorgegangen? Hatte er sie durch irgend ein hingeworfenes Wort verletzt? Was hatte er denn gesagt? In Gedanken wiederholte er sich die Wendung, die das Gespräch genommen hatte.

„Verzeihen Sie,“ begann er wieder, „wie kamen Sie auf Türschmann?“

„Nun, das ist doch sonnenklar,“ sagte sie. „Das ist auch ein Mann gewesen, dessen großes schauspielerisches Talent in der Blüte seiner Kraft durch Blindheit gebrochen war. Da wurde er eben Rezitator.“ – „Es ging eine dämonische Kraft von ihm aus,“ fügte sie nach einer Pause hinzu.

„Seine Frau begleitete ihn auf seinen Vortragsreisen. Man sagt, sie lese ihm die Dramen solange vor, bis er sie könne. Was

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Ideenverbindnngen
Empfohlene Zitierweise:
Frances Külpe: Rote Tage : baltische Novellen aus der Revolutionszeit. S. Schottländers Schlesische Verlagsanstalt, Berlin 1910, Seite 20. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:FrancesKuelpeRoteTage.pdf/20&oldid=- (Version vom 1.8.2018)