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Liste.png Frances Külpe: Rote Tage : baltische Novellen aus der Revolutionszeit

Sie wurde glühend rot. „Es war heute meine Reiselektüre,“ sagte sie ohne einen Versuch, auszuweichen.

Das freute ihn. Er reichte ihr vergnügt die Hand und stieg ein. „Also auf gute Weiterfahrt!“ sagte er herzlich.

Die stattlichen Pferde zogen an. Claire bemerkte noch, wie sich eine schwielige Bauernfaust drohend erhob, und wie ein paar verwilderte Köpfe grimmig nach ihnen hinblickten.

„Man scheint uns Deutschen auch hier nicht sehr gewogen,“ sagte sie ernsthaft.

Er zuckte die Achseln. „Das ist das Werk der professionellen Hetzer und Wühler,“ sagte er. „Wir gehen einer schweren Krise entgegen. Das Deutschtum, das sich nach einer siebenhundertjährigen Kulturarbeit hier festgesetzt hat, wird sich seines alten Rechts noch zu wehren haben, und sei es mit den Waffen.“

„Sollte es soweit kommen?“ flüsterte sie.

„Es ist schon zum Teil soweit gekommen. Die Unsicherheit in den Städten nimmt täglich zu, auf dem flachen Lande rotten sich in den Krügen und bei den Gemeindeschullehrern junge unreife Köpfe zusammen, halten sozialdemokratische Brandreden und versprechen dem mißleiteten Volk goldene Berge, sobald sie die Deutschenherrschaft abgeschüttelt haben. Einen Prügelknaben für soziale Mißstände muß man haben, folglich ist der Deutsche das gesuchte Objekt. Direkt gegen die Regierung sich auflehnen, ist ein allzu gefährliches Experiment, das ist Landesverrat; da müssen denn die baltischen Barone und Pastoren herhalten. Auf

Empfohlene Zitierweise:
Frances Külpe: Rote Tage : baltische Novellen aus der Revolutionszeit. S. Schottländers Schlesische Verlagsanstalt, Berlin 1910, Seite 30. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:FrancesKuelpeRoteTage.pdf/30&oldid=- (Version vom 1.8.2018)