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Liste.png Frances Külpe: Rote Tage : baltische Novellen aus der Revolutionszeit

„Du wirst Bankbeamter werden müssen ...“ Der Pastor dachte angestrengt nach. „Warum müssen?“ fragte er.

„Weil ich seit gestern verlobt bin.“

Robert Berger trat einen Schritt zurück. „Mensch!“ rief er, „doch nicht mit ... mit Fräulein Schenkendorff?“

„Durchaus.“

„Aber das ist ja etwas Großartiges! Gratuliere, gratuliere von Herzen!“ Er schüttelte Philippis Hände kräftig und freundschaftlich.

„Sie ist ja griechisch-orthodox, wie du weißt, aber heute ist das ja kein Hindernis mehr.“

„Gottlob nein!“ sprach der Pastor.

Langsam schritten sie nebeneinander her.

Heftig zog der Pastor an seiner Zigarre.

„Es fällt mir der Gedanke nicht leicht,“ begann er, „daß durch deinen Austritt aus dem Kreise der Theologen wir Balten um einen gewissenhaften und tüchtigen Menschen ärmer werden sollten. In Zeiten der Gefahr brauchen wir ganze Männer. Anderseits verstehe und billige ich deinen Entschluß vollkommen, daß du in einem Beruf nicht bleiben willst, in den dich nur äußerer Zwang hineintrieb. Es fragt sich nur, ob nicht doch in dem Erben einer dreihundertjährigen Pastorengeneration irgendwo ein lebendes Keimchen schlummert, das sich unter den heutigen abnormen Verhältnissen organisch zur kräftigen Pflanze entwickeln könnte. Wer weiß, ob nicht gerade der Druck deiner häuslichen

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Frances Külpe: Rote Tage : baltische Novellen aus der Revolutionszeit. S. Schottländers Schlesische Verlagsanstalt, Berlin 1910, Seite 52. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:FrancesKuelpeRoteTage.pdf/52&oldid=- (Version vom 1.8.2018)