Seite:Friedrich Bauer - Christliche Ethik auf lutherischer Grundlage.pdf/217

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

leicht, weil es da nicht in jedem einzelnen Fall eines Willensentschlusses oder einer der Trägheit des Fleisches erst abzuringenden Entscheidung bedarf, sondern weil dann der Mensch dem einmal gegebenen und nachwirkenden Impuls und Anstoß nur zu folgen braucht und so gewissermaßen unwillkürlich das Gute thut. Auch bei dem HErrn und seiner Erziehung sehen wir den Gewinn der guten Sitte. Seine Eltern gehen nach Jerusalem auf das Fest „nach ihrer Gewohnheit“. Er ging nach „seiner Gewohnheit“ in die Schule. – Die Gewöhnung nimmt den trägen Willen auf ihre Flügel und hebt ihn über momentane Unlust zum Guten hinweg und bringt ihn an sein Ziel.

 2. Zur Gewöhnung tritt mit der zunehmenden Reife mehr und mehr die Belehrung und Unterweisung. Wo es recht steht, sind die Eltern für das Kind wie die nächste, so auch glaubwürdigste Autorität und tief senken sich in das empfängliche Kindesgemüt des Vaters oder der Mutter Worte zu nachhaltiger Wirkung. Es war im Alten Testament den Eltern zur Pflicht gemacht, die Kinder in die Kenntnis der Heilsgeschichte und in die Forderungen des göttlichen Gesetzes einzuführen. Die gleiche Verpflichtung legt der Apostel Eph. 6, 4 den christlichen Vätern auf. Die Erinnerungen, die Worte des Vaters, der Mutter sind ein Schutz gegen Verführung, Sprüche 1, 8–9. 10; 4, 1–4. Sich zurechtweisen und ziehen lassen ist die Weisheit des Sohnes, Sprüche 13, 1; 31, 1. – (Timotheus 2. Tim. 3, 15.)

 Wenn aber die Belehrung und Unterweisung Erfolg erzielen soll, so müssen die Worte der Eltern durch ihr Vorbild bekräftigt werden. So ist denn ein besonders mächtiges, weil unbewußt und beständig wirkendes Erziehungsmittel[.]

 3. Das Vorbild der Eltern im Guten und ihr ganzer Wandel. Das macht auf das Kind den unmittelbarsten und bleibendsten Eindruck und der in dem Kinde so starke Nachahmungstrieb findet hier einen dankbaren und würdigen Gegenstand. Nichts wirkt dagegen verderblicher von seiten der Eltern als Ärgernisse und das Wehe, das Matth. 18, 7 über die Welt gesprochen ist, gilt doppelt den Eltern. Aber die besten Eltern haben wie alle Menschen ihre Sünden und Schwachheiten, die ihren Kindern am wenigsten verborgen sind und die sie wohl zu benützen verstehen. Da sei es ferne, daß die Eltern eine Heiligkeit und Vollkommenheit affektieren, die sie nicht haben. Am besten reden sie von ihren Sünden und Schwachheiten so, daß sie zugleich den Ernst sehen lassen, dieselben zu bekämpfen und ihre Kinder zu belehren, daß