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 Auf geordnetem, berufsmäßigem Wege wider alles die Ordnung und das öffentliche Wohl Beeinträchtigende anzukämpfen, erkennt der Christ als Pflicht des Bürgers. Nach diesem Maßstab kann er auch an inneren Bewegungen des Staatslebens (innere Politik) in besonnener Weise teilnehmen. Politische Parteien sind im Rechtsstaat eine unvermeidliche Sache, nichts an sich Schlimmes; aber sich an eine Partei verkaufen und solidarische Haftung für all ihr Thun übernehmen, ist des Christen nicht würdig. Er muß sich sein Urteil und Verhalten für jeden einzelnen Fall frei erhalten, sonst ist er genötigt, oft wider sein Gewissen und bessere Überzeugung zu handeln. Bei vorkommenden Revolutionen (Annexionen) muß er oft der Gewalt weichen, obwohl er gegen diese pflicht- und berufsmäßig ankämpfen muß; hat aber die Gewalt Bestand gewonnen, so ändert er sein Verhalten; auch seines Unterthanen- und Beamteneids ist er entbunden bei dem Wechsel der Gewalten, gleichviel ob ihn der entthronte Herrscher entbindet oder nicht. – Das Genauere siehe in den folgenden Exkursen.

 Erster Exkurs. – Gilt dem Christen die Pflicht des Gehorsams nur gegen die rechtmäßige Obrigkeit oder auch gegen eine irgendwie sich aufschwingende neue. – Hier ist vorerst ein Vorbehalt zu machen: Ein Christ behält immer im Auge, daß keinem Königshause für ewig sein Stuhl feststeht, außer dem Hause Davids durch den ewigen König Jesum Christum.

 Wie ist es nun, wenn die bestehende Obrigkeit gestürzt wird? – Im allgemeinen ist es gut und schön und ein Segen und Glück zu nennen, wenn ein Königshaus alt ist. Es verwächst da aufs engste Volk und Herrscherhaus. Aber es ist ein falscher und unter Umständen revolutionärer und unchristlicher Standpunkt, wenn behauptet wird, ein Christ müsse auch dem gestürzten Herrscherhaus treuen Gehorsam eines Unterthanen bewahren und leisten. Der Christ muß einem neuen Regiment gehorchen. Röm. 13, 1.

 Da schiebt sich nun aber die Frage ein: „Ist denn aber in der Völker- und Staatengeschichte alles richtig hergegangen?“ „Hat sich Gewalt und Gerechtigkeit immer reinlich geschieden?“ Nein! Der Legitimitätsstandpunkt sagt: Die wirklich göttliche Obrigkeit ist nur die rechtmäßige. Doch Röm. 13, 1 sagt: „αἱ οὖσαι“, Präsens = die bestehenden, eben da seienden. Wie nun? Wann beginnt der Gehorsam für den Christen gegen unrechtmäßig sich emporschwingende Obrigkeit? Wenn keine Hoffnung mehr ist, daß das alte Königshaus