Seite:Friedrich Bauer - Christliche Ethik auf lutherischer Grundlage.pdf/240

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

Der Mensch geht nicht darin auf, Familienglied, Staatsangehöriger, Staatsbürger zu sein, sondern es gibt auch ein Verhältnis von Mensch zu Mensch. Die Menschheit hat einen gemeinsamen Anfang und ein gemeinsames Ziel ihrer Geschichte. Die Erde ist ihr gemeinsamer Wohnort, die Welt Gottes mit ihren Gütern ihr Besitz, die Aneignung zur Beherrschung und Benützung derselben ihre gemeinsame Aufgabe und ihr gemeinsames Recht Gen. 1, 28, und die überall gleiche Menschennatur ist ihr gemeinsamer Wesensbestand. Das Verhältnis, in welches der Christ in dieser Gemeinschaft zu stehen kommt, ist

 1. ein persönliches Verhältnis von Mensch zu Mensch,

 2. ein Verhältnis zu den dieser Gemeinschaft eignenden Gütern, Gaben und Aufgaben.

 Das allgemeinste, ursprünglichste Verhältnis, in welchem ein Mensch zum andern stehen kann, drückt die heilige Schrift durch den Begriff „der Nächste“ aus. „Nächster“ ist hier nicht in dem sonst auch wohl gebräuchlichen Sinn als Anverwandter, Blutsverwandter gemeint, sondern bezeichnet abgesehen von allen verwandtschaftlichen, nationalen, religiösen Beziehungen lediglich das Verhältnis, in welchem der Mensch als solcher zum Menschen steht. Das richtige sittliche Verhalten in dieser umfassenden Gemeinschaft ist die Nächstenliebe, Humanität. Hier gilt, nur christlich vertieft, das Wort jenes Alten: „homo sum, humani nihil a me alienum puto“; während das richtige sittliche Verhalten in der Familie Pietät, im Staat Legalität, in der kirchlichen Gemeinschaft Bruderliebe ist, soll in der allgemeinsten Gemeinschaft die allgemeine Liebe erzeigt werden, 2. Petr. 1, 7.

 „Nächster“ ist mir jedermann, auch der völlig fremde, der durch Gottes Führung mit mir in Berührung kommt und meiner bedarf (barmherziger Samariter, Luk. 10, 33; Gal. 6, 10). Die Art und Weise, wie die Nächstenliebe sich bethätigt, ist eine sehr mannigfaltige, nach den Umständen verschiedene. Hieher gehört die allgemeine Wohlthätigkeit, die Barmherzigkeit gegen die Elenden etc. Die Unterschiede, welche soziale, politische, nationale, kirchliche Stellung unter den Menschen hervorrufen, gleichen sich in dieser letzten Gemeinschaftsform zwar nicht aus, aber sie versöhnen sich, indem hier eben ein Boden ist, auf welchem der einzelne dem Menschen als Mensch gegenüber tritt, ähnlich und doch wieder anders als in der Gnadengemeinschaft der Kirche („hie ist kein Jude noch Grieche“, Gal. 3, 28). Es ist aber wohl zu beachten, daß für den Christen christliche Bruderliebe das erste ist, was sich dann nur erweitert zur Menschenliebe, zur