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des menschlichen Geistes und der hat seine Grenzen. Ein gleicher Irrtum und Versündigung wäre es, wenn umgekehrt ein christlicher Forscher meinte, die auf dem Wege natürlicher Verstandesthätigkeit gefundenen Erzeugnisse deswegen, weil sie anscheinend nicht mit der Schrift übereinstimmen, unterschlagen oder korrigieren zu müssen. Dies wäre gegen die wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit und wäre eine Erschleichung von Resultaten und ein ebenso großes Unrecht an dem Geist der Wissenschaft wie an dem des Christentums. Die Lösung eines auftauchenden Widerspruchs der Wissenschaft mit der heiligen Schrift ist im letzten Grund von Gott zu erwarten.

 Die Wissenschaft tritt insofern in den Dienst des Christentums, als die Resultate ihres Nachdenkens über die Art und Weise, wie man sich irgend eines Wissensgebietes bemächtigt und es bemeistert, auch vom Christen benützt und für seine Zwecke verwendet werden. (Methode; theologisches System.) Sofern die Wissenschaft die Werke Gottes zu verstehen sucht, kann sie, da die natürliche Welt das Abbild einer höheren ist, der Theologie auch manchen Unterstützungsbeitrag positiver Art gewähren.

 Ähnlich ist es auch mit den Künsten, deren oberste die Dichtkunst ist, weil sie es mit dem geistigsten Mittel zu thun hat, dem Wort, und damit ihre Erfolge erringt. Es ist eine ungerechte Forderung, zu verlangen, daß sie bloß religiöse Stoffe behandeln solle; auch alles Natürliche darf die Kunst in ihren Bereich ziehen. Sie hat nicht bloß die Aufgabe, religiös zu erbauen, sondern tendenzlos das äußere und innere Leben zur Darstellung zu bringen, und sich von der maßgebenden Idee, der Idee des Schönen, leiten zu lassen.

 Andernteils darf sie auch nicht frivol der Sünde dienen; denn dann muß sich der Christ von ihr abwenden. Dabei gilt auch hier, daß auch die Kunst ihre höchste Weihe im Dienst des Heiligtums erlangt und in diesem Dienst auch ihre höchste Aufgabe findet. Weltlich ist nicht sündlich; das wird es erst, wenn es in den Dienst der Sünde gestellt wird; denn sonst müßte man die Welt als eine Welt des Teufels ansehen, nicht als eine Welt Gottes, die sie doch geblieben ist. Finden wir doch selbst auf dem Gebiet der alttestamentlichen Offenbarung eine Periode, in welcher sich die Dichtkunst mit Absehen von den übernatürlichen Lebensstoffen, die aus der Heilsgeschichte stammen, auf rein menschliche Verhältnisse zu beschränken suchte. Es ist dies die Zeit der Kultivierung der Lebensweisheit (חֹכְמָה‎).

 Das Buch Hiob sieht von der ganzen Heilsgeschichte, von dem