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 In zweifelhaften Fällen, wofür weder das Wort Gottes etwas Spezielles enthält, noch die auf dasselbe gegründete Überlegung zum Ziele kommt und die Entscheidung eine wichtige Sache betrifft, ist auch das Los angewendet worden und anwendbar, Akt. 1, 26, unter Begleitung von Gebet, welches im Glauben geschehen muß.


Exkurs über das Los.

 Nach Akt. 1 kann das Los nicht verboten sein. Aber wir sehen: es handelte sich dort um einen ernsten Fall. Dem Losen war eine vernünftige Überlegung vorhergegangen. Das Werfen des Loses geschah unter Gebet. So war es kein blindes Hineingreifen in die Schicksalsurne. – Der Sinn des Loses ist, daß das, was man durch das Los erreichen will, nicht abhängig gemacht wird vom menschlichen Willen, sondern Gott überlassen. Der Mensch verzichtet da auf den Gebrauch seines Willens und seiner Überlegung und stellt unter Gebet alles Gott anheim. So geschah es dort, Akt. 1, wo es sich um die Einsetzung eines Apostels handelt, den nicht Menschen setzen können, sondern nur Gott.

 Aus dem Alten Testament kennen wir viele Beispiele für den Gebrauch des Loses, Jos. 7 in der Geschichte Achans; dann bei Austeilung des Landes, Jos. 14, 2, Königswahl, 1. Sam. 10, 17, Sündopferböcken, Lev. 16, 8, und an andern Stellen, z. B. Neh. 10, 34; 11, 1 (cf. auch Spr. 16, 33: hier drückt sich die Glaubensüberzeugung des alttestamentlichen Gläubigen aus). Das Los war im Alten Testament zum Teil direkt von Gott befohlen, zum Teil erscheint es als Herkommen geübt.

 Dürfen aber nun auch wir im Neuen Testament das Los anwenden, um zu einer Entscheidung zu kommen? In kleineren Dingen nicht, da wäre es ein Mißbrauch, denn es wird nicht mit Gebet geschehen, und so ist es da, kann man sagen, der Zufall, an den man sich bindet. Oft ist man zu bequem, um ernstlich nachzudenken, oder man sucht durch das Los einem Zugeständnis, das man machen müßte, auszuweichen. Aber in ernsten und schwierigen Fällen? Da muß man zunächst sagen: sich freiwillig dem Los unterwerfen, heißt auf den Gebrauch seiner Vernunft und Selbstbestimmung verzichten, als urteilende Persönlichkeit in einem bestimmten Falle abdanken. Ursache: man kann vielleicht nicht zu einer Entscheidung durchdringen oder möchte, was tadelnswert ist, die Verantwortung von sich abwälzen und wählt hiezu einen Weg, der fromm, eine besondere Stufe der Gottergebenheit zu sein scheint; aber es wird dadurch eine gewisse Passivität