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die dem Menschen einen Wink geben, den Augenblick zu benützen, weil er Glück und Gelingen verheißt. Doch geben solche einzelne Erfahrungen selten so deutliche göttliche Winke, daß man sie sicher deuten kann.

 Sichere Weisung gibt der Zusammenhalt mit der gesamten Lebensführung, zunächst der äußeren. Aus ihr kann sich der Mensch seine äußere, besondere Lebensaufgabe, wenn er Verstand und Sinn dafür hat, schon zusammenbuchstabieren und kann daraus die Bedeutung der einzelnen Erlebnisse ziemlich sicher ermessen.

 Ebenso wichtig und bedeutsam, zum Teil noch wichtiger und bedeutsamer ist die innere Führung eines Menschen, sind die inneren und geistlichen Erfahrungen und Erlebnisse, die jedem seine besondere Glaubensstufe und seine gliedliche, mehr oder weniger bedeutsame Stellung in dem Gesamtorganismus der Kirche anweisen.

 Bei den inneren und äußeren Lebensführungen kommt immer doch das rechte Licht erst, wenn die Lebenserfahrungen in innigem und brünstigem Gebet verarbeitet werden mit Beziehung auf Gottes besondere Verheißungen, Ps. 32, 8; 73, 24; 31, 4; 27, 11; 139, 24. Dann erweist sich an ihm die Wahrheit von 1. Joh. 2, 20. 27: Ihr habt die Salbung. Wer sich leiten läßt, wird sicher geleitet, ohne daß man des eigenen Besinnens und der Verantwortlichkeit des eigenen Entschlusses überhoben ist. Denn nicht am Gängelband will Er seine mündigen Kinder führen, sonst würden sie keinen Schritt selbständig machen lernen. Aber schließlich dürfen sie nicht auf ihre Weisheit vertrauen, sondern sollen sich der höheren Leitung hingeben, die ihren Entschluß entweder bestätigt und befördert, oder aber hindert, wenn es nötig erscheint. Denn nicht immer greift Gott selber ein; er läßt auch manchmal einen Fehlgriff und Fehltritt, etwas Verkehrtes und Thörichtes, ja eine Sünde (wenn man sich nicht will sagen lassen Luk. 22, 31 etc.) zu, damit man, durch Erfahrung gewitzigt, ein andermal vorsichtiger ist. Das Leben des einzelnen Christen ist ein Produkt der menschlichen Freiheit und der göttlichen Leitung. Oft prüft Gott den Menschen und stellt sich, als ob er ganz wider ihn wäre und ihn ganz verlassen hätte. Da gilt es, ihn im Glauben an seine barmherzige Hilfe zu fassen und durch ihn zu ihm hindurchzudringen.

 2. Die göttliche Leitung durch die heilige Schrift (cf. § 65).

 Die göttliche Leitung auf dem Gebiet der individuellen Freiheit geschieht auch durch göttliche Beratung. Ein Rat ist die Empfehlung