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„Willst du vollkommen sein etc.“ Damit rät der HErr dem Jüngling die freiwillige, völlige Armut an, aber mit besonderer Rücksicht auf dessen Anhänglichkeit an Geld und Gut, die ihm das vorzüglichste Hindernis zum Himmelreich war. Es war ein seelsorgerlicher Rat für den reichen Jüngling, der aber auch anderweitig seine Anwendung fand und findet, Luk. 12, 33. Man denke an die erste Gemeinde in Jerusalem, wo die Wohlhabenden ihre Güter und Habe verkauften, um die Armen zu unterstützen, Akt. 2, 45; 4, 36–37; 5, 2. – In etwas anderer Weise erwählte Paulus die freiwillige Armut, da er keinen Sold von der Gemeinde nimmt, sich aufs äußerste beschränkt, und dies Äußerste, was er braucht, sich mit der Hände Arbeit verdient, Akt. 18, 3; 1. Kor. 4, 12; 2. Kor. 11, 27; 2. Kor. 6, 5; 1. Kor. 9, 15. 18.

 In der letzten Stelle verteidigt er sich und seine Freiheit gegenüber denen, die ihn darüber tadeln, 1. Kor. 9, 18. Die Idee ist die, daß der Mensch innerlich und äußerlich frei sein soll vom Besitz, wo er ihn an seiner Seligkeit oder am Dienst am Reiche Gottes hindert. Der letztere Rat wird seltener anzuwenden sein als der erstere, wiewohl beide in der Geschichte der christlichen Kirche eine große Rolle spielen.

 Diese Räte heißen evangelische. Von den älteren und neueren Theologen verwerfen sie viele; es gibt aber auch ältere und neuere Theologen, die sie als schriftgemäß anerkennen, z. B. Löhe. Der Rat ist im Neuen Testament mit γνώμη ausgedrückt, 2. Kor. 8, 10 (wo der Apostel die Wohlthätigkeit anrät); 1. Kor. 7, 25. 40. Die Fassung der evangelischen Ratschläge, wie sie die Katholiken als überverdienstlich ansehen, weil die Erfüllung derselben eine größere Vollkommenheit gewähre als die der zehn Gebote, ist widersinnig und schriftwidrig. Auf den evangelischen Räten der freien Armut, Ehelosigkeit (und des unbedingten Gehorsams gegen die Oberen) beruht das Mönchswesen. Gegen die Annahme von Überverdienstlichkeit ist Luk. 17, 10.

 Was will man aber geltend machen gegen eine Empfehlung des ehelosen Standes von seiten eines Apostels, der den Segen derselben in so außerordentlichem Maße erfahren hat, 1. Kor. 7, 7? Er empfiehlt ihn aber nicht allgemein, sondern unter gewissen Voraussetzungen und Umständen. Wer davon Gebrauch machen will und kann, der empfängt hier Licht und Stärkung des Gewissens. Er empfiehlt auch den ehelichen Stand, wenn außerhalb desselben für das sittliche Leben Gefahr droht, 1. Kor. 7, 2. Der eheliche Stand