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in Joh. 16, 23 ist eine uneingeschränkte, und uneingeschränkt ist auch die Erhörungszusage. Doch darf die Bitte nicht ein Erzeugnis des natürlichen fleischlichen Wesens sein, sondern der geistliche Mensch, der wiedergeborne und erneuerte, muß es sein, der darin ein Bedürfnis seines geistlichen oder irdischen Lebens kundthut; denn der HErr gibt ja seine Verheißung seinen Jüngern. Über das, was ihm wahrhaft gut und heilsam, kann auch ein erfahrener Christ, selbst ein Apostel, 2. Kor. 12, 7–9, zeitweise im Unklaren sein. Er wird aber schließlich einsehen, daß die Nichterhörung seines Gebetes nicht gleichbedeutend mit dem Ausbleiben der Verheißung war. Es gibt Gebete mit Vorbehalt, bei welchen der Christ die Worte des HErrn hinzusetzen muß: Doch nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe. So frei wie der HErr darf der Christ seinen persönlichen Willen im Gebet kund werden lassen, wenn ihm nur auch andererseits das Verlangen im Grund des Herzens wohnt, daß der Wille des Vaters geschehe. Es gibt aber auch Gebete, welche als dem Willen Gottes gemäße von vornherein erkannt werden, 1. Joh. 5, 14–15. Hier hat jene oben angegebene Klausel keinen Platz. Da weiß dann der Christ, daß er die Erhörung seines Gebetes hat. Phil. 1, 19–25. – Die Verheißung der Erhörung des Gebetes im Namen Jesu darf betrachtet werden als die neutestamentliche Erfüllung eines alttestamentlichen Vorbildes: 1. Könige 9, 3 (vgl. 8, 52). Die im Tempel oder in der Richtung zur Stätte des Tempels geschehenden Gebete sollten demnach erhört werden (Dan. 9). Die Menschheit Jesu Christi ist der wahre Tempel Gottes, Joh. 1, 14; 2, 19; 10, 30; 14, 11. – Zum Gebet im Namen Jesu gehört übrigens das Anrufen Jesu selber. Joh. 14, 13–14: Das will „Ich“ thun; vgl. Akt. 7, 58 das Gebet des sterbenden Stephanus; Joh. 20, 28 des Apostels Thomas Anbetung; im 1. Brief an die Korinther wünscht der Apostel 1, 2–3 Gnade und Friede allen denen, die den Namen Jesu anrufen an allen ihren und unsern Orten. Zum Gebet im Namen Jesu in dieser Form wird der Christ seine Zuflucht nehmen besonders in Sündennot und in Todesnot. – In den Kollekten der Kirche heißt der Schluß des Gebetes meist: Durch Jesum Christum. Für die Anrufung Jesu selber vergleiche besonders die Passions- und die Sterbelieder der Kirche. (Über Gebetsheilung und die sogenannten Gebetsheilanstalten vgl. die Lehre vom Kreuz.)

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 4. Zur Übung in der Gottseligkeit gehört auch die anhaltende, regelmäßige Beschäftigung mit der heiligen Schrift. Die alte