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Kirche führte in die Schrift ein durch die zusammenhängende öffentliche Verlesung derselben in der Kirche. So hatte der heilige Antonius seine Kenntnis der Schrift und der Psalmen insonderheit lediglich dieser kirchlichen Einrichtung zu danken. Auf sie bezieht sich des Apostels Weisung 1. Tim. 4, 13. Die Reformation gab die Bibel auch dem christlichen Haus und durch den Pietismus (Baron von Cansteins Bibelanstalt in Halle) und noch mehr durch die Bibelgesellschaften (1804 die erste in London) wurde die heilige Schrift Gemeingut der christlichen Gemeinde in weitestem Maß. – Die heilige Schrift kann entweder in der einmal festgesetzten Reihenfolge der einzelnen Bücher durchgelesen werden oder aber nach einer im Anschluß an das Kirchenjahr getroffenen, besonderen Ordnung, wie sie dem römischen Brevier nach uraltem kirchlichen Vorgang zu Grunde liegt (cf. Löhe, Haus-, Schul- und Kirchenbuch II pag. 52). Als Ziel der Lesung wird neben der Kenntnis des Inhalts (Bibelkenntnis, Bibelfestigkeit) Einsicht in den Zusammenhang des Schriftganzen und zunehmendes Vermögen des Eindringens in die Schriftgedanken und Anwendung auf das christliche Leben und Verwendung in demselben zu bezeichnen sein. Es empfiehlt sich, größere Abschnitte auf einmal zu lesen, wenigstens an Sonntagen. Es gibt viele Beispiele von fleißigen Bibellesern in der lutherischen Kirche (auch solche bei den Reformierten, welche übrigens mehr das Alte Testament bevorzugen). Wie sehr Luther selber auf das Lesen der heiligen Schrift über dem aller anderen Bücher gedrungen hat, ist bekannt. Nur bei regelmäßigem treuem Lesen wird der Christ eindringen in das Wort Gottes, seine Kraft, das geistliche Leben zu nähren und zu fördern, erfahren und einen guten Schatz in seinem Herzen sammeln. Das regelmäßige Lesen der Schrift läßt den Christen in ihr zu Haus werden und hilft ihm zu geistlicher Reife und Selbständigkeit. Doch hat das segensreiche Lesen der Schrift vorhergegangenen christlichen Unterricht zur Voraussetzung und begleitenden Unterricht des kirchlichen Amtes, zum mindesten des kirchlichen Bekenntnisses, Röm. 12, 7, als gottgegebenes und nicht zu vernachlässigendes Hilfsmittel, Akt. 8, 31. Verachtung oder Nichtachtung desselben in der Meinung, alle Lehre selber unmittelbar aus der Schrift finden zu müssen (Biblizismus), wird sich in der einen oder andern Weise rächen. Etwas anderes ist die selbständige Prüfung der Kirchenlehre an der Schrift; dieselbe ist sogar geboten und hat an den Beröensern ein schönes Vorbild, Akt. 17, 11. Das Forschen in der Schrift kann über den dermaligen Stand der klaren