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und Selbstzucht. Aber vergessen darf nicht werden, daß die Kraft zur Erfüllung nicht das Gesetz gibt, sondern der heilige Geist. Als Stab und Stecken, als heilsames Band, als Barriere auf dem Lebensweg, die vor Abwegen warnt, mag das Gelübde gebraucht werden; aber der täuscht sich selbst, welcher im Gelübde das selbsterwählte Mittel der Selbstüberwindung und Heiligung sieht.

 Bei der ganzen Frage nach dem Wert der Gelübde ist nicht aus den Augen zu lassen, daß im Alten Testament nie und nirgends das Gelübde befohlen oder auch nur angeraten ist, wogegen allerdings die Haltung des einmal Gelobten als Pflicht stark betont wird. Eine Sache vollkommener Freiheit, auch nach alttestamentlicher Anschauung, ist das Gelübde, solange es sich um die Frage handelt: Soll es abgelegt werden oder nicht? Aber sobald es abgelegt ist, bindet es; Pred. 5, 3–5. Im Neuen Testament erscheint das Gelübde nur ganz vereinzelt und ohne daß ein sonderliches Gewicht darauf gelegt wird, woraus man mit Recht geschlossen hat, daß das Gelübde mehr der alttestamentlichen Frömmigkeit entspreche. In der Apostelgeschichte kommt es ein paar Mal vor. Kap. 21 läßt sich der Apostel Paulus, um dem Vorwurf, von der alten Lehre abfällig zu sein, zu entgehen, zu einem Gelübde gläubiger Juden herbei. Etwas anderer Art ist der Fall Akt. 18, 18, wo er auch ein Gelübde auf sich genommen und durch Scheren seines Hauptes gelöst hat. Außer diesen beiden Fällen begegnet uns kein Gelübde dieser Art im Neuen Testament, was also ein Beweis ist, daß das Gelübde mehr der gesetzlichen Pädagogik als dem Stand des Christen entspricht.

 Damit ist dann die Frage gelöst, ob die Gelübde (cf. oben) ein Stand höherer Vollkommenheit sind. Man wird es nach dem eben Bemerkten nicht sagen. Vollkommen wäre der Christ, wenn er kein Gelübde brauchte, sondern der Wille an und für sich ohne ein gesetzliches Band stark und energisch genug wäre, das Gute zu thun. Aber bei der Unvollkommenheit der menschlichen Natur auch beim Christen muß man sagen, es handle der weiser und vollkommener, der, um Versuchungen zur Sünde zu entgehen, gelobt, auf den Genuß zu verzichten.

 Auch ein anderer Umstand trägt dazu bei, das Gelübde auf seinen richtigen Wert herabzusetzen, daß nämlich bei demselben gar zu leicht in das Verhältnis des Christen zu Gott ein, wenn man so sagen darf, rechnerisches Element eingetragen wird. Es ist gleichsam eine