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Art Handel mit Gott: für eine kleine Gabe des Menschen soll Gott eine große Wohlthat geben.

 Drittens sind die Gelübde nicht für vollkommener zu achten, weil dadurch vom Christen die Erhörung des Gebets in sehr bestimmter Richtung fixiert wird, während es dem Charakter des christlichen Gebetes entspricht, Zeit, Art und Weise Gott zu überlassen. Doch kann in dieser Fixierung der Erhörung der Bitte andernteils in bestimmten Fällen ein besonders starker Glaube (cf. oben) sich aussprechen. Darum hebt sich vielleicht das eine gegen das andere gegenseitig auf.


 8. Die Heiligen.

 Diejenigen Personen, die sich in der Übung der Gottseligkeit und überhaupt aller christlichen Tugenden in solchem Maße ausgezeichnet haben, daß sie das gewöhnliche Maß überschritten (heroische Tugend) und infolgedessen nicht nur die allgemeine Anerkennung der Christen ihrer Zeit gefunden, sondern auch dem Gedächtnis der Kirche für alle Zeit eingeprägt sind, nennt man Heilige. Zwar sind alle Gläubigen Heilige; aber hier ist das Wort im eminenten Sinn von solchen gebraucht, die eine besonders hohe Stufe der Heiligung hier auf Erden erreicht haben und ebendeshalb im Andenken der christlichen Nachwelt fortzuleben gewürdigt sind (Conf. Aug. XXI), die wie Sterne erster Größe am Himmel leuchten. Hieher gehören nächst den Aposteln in erster Linie die Märtyrer und Bekenner der ersten Jahrhunderte, des christlichen Heroenzeitalters, ein Heldengeschlecht, welches seine Größe im Leiden und Dulden erwiesen und unterliegend den Sieg des Christentums vorbereitet hat. Ihnen reihen sich an die großen heiligen Lehrer der Kirche und außerdem noch eine Zahl von solchen, die sich in der Nachfolge Jesu ausgezeichnet haben. Ein Verzeichnis derselben bietet der Heiligenkalender, dessen altüberlieferte und auch von der lutherischen Kirche herübergenommene Namenreihe ein Stück der Einheit über den Konfessionen bildet und der Ausdruck eines gewissen Glaubens an die communio sanctorum ist. Meistenteils sind diese Heiligen, die ja, sofern sie der ganzen Kirche gemeinsam sind, alle vor der Reformation gelebt haben, in der Form der Weltentsagung und einer oft bis zum Übermaß und zur Unnatur gesteigerten Askese aufgetreten. Diese asketische Form, diese „heiligmäßige“ Gestalt des äußeren Lebens, geht den Heiligen des Protestantismus, dem es ja auch nicht an solchen hervorragenden Erscheinungen fehlt, ab.